Montag, 28. November 2011

Demokratisches Placebo-Zäpfchen

Stell dir vor, es ist Demokratie und die Mehrheit bleibt weg. Ausgerechnet im für die sparsamkeit seiner Bewohner berüchtigten Baden-Württemberg leistete man sich am ersten Sonntag im Advent ein ebenso teures wie sinnloses Plebiszit. Herauskam bloß eine Bestätigung des längst Beschlossenen. Einst hatte der Streit um das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ die Gemüter aufgewühlt und letztlich sogar dazu beigetragen, die frühere badisch-württembergische abzuwählen und Deutschlands ersten grünen Ministerpräsidenten zu installieren. Nun aber, da  die Bürgerinnen und Bürger die Chance gehabt hätten, in der Sache mitzuentscheiden, blieben sie mehrheitlich einfach zu Hause. Und die Mehrheit derer, die mitstimmten, erteilte dem Wutbürgertum eine Absage und stimmte mit „Nein“, also für das Milliardengrab, äh, die Bahnhofsgrube. Das sei „ein großer Schritt in die Zukunft der Bürgergesellschaft“, kommentierte Regierungschef Kretschmann. Und auch alle anderen scheinen sich darin einig, dass mit der vox populi nun quasi die vox dei gesprochen habe und das Resultat somit sakrosankt sei. Sogar von dezidierten S21-Gegnern ist jetzt zu hören, der Widerstand gegen das Projekt sei damit zu Ende. Aber im Ernst, macht das Votum von 28,4 Prozent der Stimmberechtigten wirklich eine fragwürdige Sachentscheidung zu einer fraglosen? Die Logik, wonach man echte oder vermeintliche Fehlentscheidungen gewählter Mandatsträger kritisieren, gegen sie protestieren und ihnen sogar Widerstand entgegensetzen darf, aber alles gefälligst gehorsam hinzunehmen hat, was irgendeine Abstimmungsmehrheit zufällig befürwortet, erschließt sich mir nicht. Stell dir vor, es ist Demokratie und alles wird gut?  Gewiss, es schmeichelt der Eitelkeit der Befragten, dass sie angeblich etwas entscheiden dürfen, aber direkte Demokratie, die im Ergebnis auch bloß auf dasselbe hinausläuft wie repräsentative Demokratie oder autoritäres Handeln, ist bloß ein politisches Placebo und damit für den Allerwertesten.

Vermischte Meldungen (3)

Na bitte, da sage noch einer, es gebe keine guten Nachrichten. Es wird gemeldet, Deutschland habe im Jahr 2010 mit dem Export von Waffen und anderen Rüstungsgütern soviel verdient wie nie zuvor, nämlich rund zwei Milliarden Euro, was eine Anstieg um etwa die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr sei. In „Friedenszeiten“ eine reife Leistung! (Es wird auch geholfen haben, Griechenland gleichermaßen zu „Sparprogrammen“ und zur Einhaltung von Rüstungsverträgen zu zwingen.) Ach ja, all die U-Boote, Kriegsschiffe, Panzer und anderen Mordgeräte sichern Arbeitsplätze und vor allem Profite. Hier ist Deutschland sehr gut aufgestellt, da kann ihm keiner was. Seltsam nur, dass in der Öffentlichkeit keiner sich seinen Stolz darauf anmerken lassen möchte …

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Es wird gemeldet, dass im Jahr 2010 weltweit 32 Kriege und bewaffnete Konflikte stattfanden. Die Zahl der Toten, Verletzten und sonstigen Opfer wird erst in den nächsten Jahren der Statistik eingefügt werden können.

Sonntag, 27. November 2011

Höre, der du über Israel herrschest

Nebst Theologie scheint auch Latein nicht gerade die starke Seite von Herrn L. aus W. gewesen zu sein. Dass er beim Hymnus „Intende qui regis Israel“ des Ambrosius von Mailand den Vers „Veni, redemptor gentium“ mit „Nun komm, der Heiden Heiland“ übersetzte, ist, um das Mindeste zu sagen, problematisch. Gewiss, die gentes, also Völker, kann man schon mal (wie die hebräischen gojim) mit „Heiden“ übersetzen — auch wenn das mehr Sinn gemacht hätte, wenn Herr L., der alles andere als ein Judenfreund war, nicht die erste Strophe mit dem typologischen Verweis auf Israel und Ephraim weggelassen hätte; worin er freilich damals schon längst üblichem liturgischem Brauch folgte. Doch davon ganz abgesehen ist zwischen den Begriffen Erlöser (redemptor) und Heiland (salvator) halt schon ein Unterschied.
Auch die Übersetzung von Ostende partum virginis / miretur omne saeculum / talis decet partus Deo („Zeige die Geburt aus der Jungfrau, das ganze Zeitalter soll bewundern, dass Gott eine solche Geburt zukommt“) mit „Der Jungfrauen Kind erkannt, dass sich wunder alle Welt, Gott solch Geburt ihm bestellt“ ist alles andere als wörtlich. Und mit solch „künstlerischen Freiheiten“ geht es Strophe um Strophe in dieser Übersetzung oder vielmehr Umdichtung munter weiter.
Wo es bei Ambrosius heißt Non ex virili semine / sed mystico spiramine / verbum Dei factum est caro / fructusque ventris floruit („Nicht aus männlichem Samen, sondern aus geheimnisvollem Hauch, ist das Wort Gottes Fleisch geworden, und die Frucht des Bauches ist erblüht.“), setzt L. „Nicht von Manns Blut, noch von Fleisch, allein von dem Heilgen Geist ist Gotts Wort worden ein Mensch, und blüht ein Frucht Weibes Fleisch.“ Auch wenn man den Stand biologischen Wissens des frühen 16. Jahrhunderts voraussetzt, ist Samen und Blut halt doch irgendwie nicht dasselbe. Und warum der wunderbar poetische „mystische Hauch“ zum Heiligen Geist verdeutlicht werden musste, weiß man auch nicht wirklich.
„Der Jungfrau Leib schwanger ward, doch blieb Keuschheit rein bewahrt, leucht hervor manch Tugend schon, Gott da war in seinem Thron“ soll Alvus tumescit virginis / claustrum pudoris permanet / vexilla virtutum micant / versatur in templo Deus wiedergeben („Der Unterleib der Jungfrau schwillt an, das Geschlossene der Scham bleibt, die Fahnen der Tugend funkeln, Gott weilt in seinem Tempel“). Doch Scham ist nicht Keuschheit und Tempel nicht Thron. Da will einer Dichter sein und liebt das Ungefähre.
Den Hörern des Hymnus traut Herr L. gleichwohl wenig zu. Wo Ambrosius geminae gigans substantiae („Held [wörtl. Riese] zweifachen Wesens“) gedichtet hatte, setzt L. „Gott von Art und Mensch, ein Held“, was nicht nur ein merkwürdiger Satzbau ist, sondern auch eine recht überflüssige Verdeutlichung.
Undeutlich werden in der Übersetzung oder Nachdichtung hingegen die zahlreichen biblischen Zitate und Anspielungen im Text des Ambrosius sowie die differenzierte Theologie. Dabei ist klar, dass die anti-arianischen Seitenhiebe des 4. Jahrhunderts 1.100 Jahre später nicht mehr interessieren musste. Doch dass L. den nicht allzu sehr versteckten Verweis auf die wichtige mariologische Unterscheidung Anbetung (die nur Gott zukommt) und Vehrehrung (die auch Maria zuteil wird) vernebelt, indem er von „Gott in seinem Thron“ schwafelt, grenzt an Bösartigkeit. (Maria non erat deus templit, sed templum Dei, hatte Ambrisius in einem Kommentar zum Lukasevangelium geschrieben: „Maria war nicht der Gott des Tempels, sondern Gottes Tempel.“) — Nebenbei bemerkt: Philologisch ist interessant, dass die Form gigans, die bei Ambrosius steht (statt korrekt gigas), darauf verweist, dass der sprachmächtige Bischof von Mailand unmittelbar aus den lateinischen Bibelübersetzungen seiner Zeit zitiert, in denen dieselbe (falsche) Form vorkommt.
Geradezu primitiv wirkt L.s Eindeutschung im Vergleich zum Original, wenn sie bei der letzten Strophe das herrliche, ganz eucharistisch gedachte Praesepe iam fulget tuum / lumenque nox spirat novum / quod nulla nox interpolet / fideque iugi luceat („Schon strahlt deine Krippe auf, und die Nacht atmet ein neues Licht, das in keiner anderen Nacht gestört werden soll, und der beständige Glaube soll (uns) leuchten“) versimpelt zu „Dein Krippen glänzt hell und klar, die Nacht gibt ein neu Licht dar, Dunkel muss nicht kommen drein, der Glaub bleib immer im Schein“.
Kurzum, aus dem ambrosianischen Text, der die Großartigkeit der Inkarnation und bleibenden Gegenwart Gottes in starken Bildern feiert, ist durch L. ein gemütliches Adventliedchen geworden. Es bedurfte erst wieder des Genies eines Johann Sebastian Bachs, um „Nun komm, der Heiden Heiland“ musikalische Poesie abzuringen. Klugerweise bediente er sich dabei nur der ersten und letzten Strophe der L.schen Version und griff im Mittetlteil auf die recht freie Nachdichtung eines heute nicht mehr namentlich bekannten Autors zurück.

Freitag, 25. November 2011

Aufgeschnappt (bei Ottis Schlachthof) II

 Wir sind gar nicht sesshaft, wir hatten bloß bis vor ein paar Jahren kein Navi.

Ottfried Fischer (Spaßmacher)

Wörtlich:  „Mir san gar ned sesshaft, mir ham bloß bis vor a paar Jahr ka Navi ghabt.“

Gänzlich halbgebildet

Es fällt mir, ehrlich gesagt, herzlich schwer, mich auch nur ein bisschen dafür zu interessieren, was der ehemalige deutsche Bundesminister Baron Guttenberg so treibt, welche Vorträge er hält, welche Bücher er geschrieben hat, welche Interviews er gibt und ob er ein politisches comeback plant. Anderen geht es da offensichtlich ganz anders. Manche hat ihr Hass auf den geschassten Publikumsliebling sogar so fest im Griff, dass sie sich lieber selbst eine Blöße geben, als eine vermeintliche des Barons unaufgedeckt zu lassen.
So etwa Stefan Kuzmany auf „Spiegel-online“ (24. November). Der meint nämlich, den „überführten Plagiator“ bei einer Angeberei erwischt zu haben. In einem jüngst veröffentlichten Gespräch mit der „Zeit“ habe Guttenberg gesagt: „Ob eine Rückkehr mit einem politischen Engagement welcher Art auch immer verbunden sein wird, ist heute gänzlich offen. Dass ich ein politischer Mensch, ein Zoon politikon, bleibe, steht außer Frage.“ Kuzmany kommentiert das so: „Und da ist es wieder, das alte Guttenberg-Gefühl, sofort weiß man, was einen stets gestört hat an diesem Politiker, ganz unabhängig von seinen politischen Ansichten: Zunächst dieses manierierte ‘gänzlich’, diese gestelzte Ausdrucksweise, diese Guttenberg eigene Art, Banalitäten mit großer Geste auszusprechen.“
Dass jemanden ein so harmloses Wörtchen wie „gänzlich“ so in Rage bringen kann, muss tiefere Ursachen haben als irgendwelche sachlichen Zusammenhänge. Vielleicht könnte eine Psychotherapie helfen. Aber Kuzmany genügt es nicht, großes Getue um banale Formulierungen zu machen, mit dem Ausdruck „zoon politikon“ fühlt er sich auf die Spur gesetzt. Er gibt zu, nicht zu wissen, was das heißt, und gesteht, allen Ernstes bei „Wikipedia“ nachgesehen zu haben. Uns siehe da, nun meint er dem verabscheuten Baron attestierten zu können: „Er blendet mal wieder mit Kenntnissen, die er offenbar nicht besitzt.“ Weil nämlich, so glaubt der wikipediabewehrte Kuzmany, „zoon politikon“ auf Aristoteles zurückgehe und bedeute, dass „ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen“ sei. „So sind wir demnach alle ein 'Zoon politikon', Sie, ich, Hape Kerkeling, Justin Bieber und Cindy aus Marzahn, ganz unabhängig von politischem Engagement, Parteizugehörigkeit oder Griechischkenntnissen. Und zwar gänzlich.“
Ha, da hat er es dem Gutti aber gegeben! Denkt er. Doch hatte der an der zitierten Stelle überhaupt etwas anderes gesagt? Kann er nicht auch gemeint haben „Dass ich ein politischer Mensch, ein Zoon politikon, bleibe, steht außer Frage, weil ja jeder Mensch ein Zoon politikon ist, auch Stefan Kuzmany, Hape Kerkeling, Justin Bieber und Cindy aus Marzahn“? Hat er denn gesagt, dass nur er und er allein oder er in besonderem Sinne ein politisches Lebewesen sei? Man muss es jedenfalls nicht so lesen.
„Man muss das nicht wissen“, sagt Kuzmany über Aristoteles und dessen „zoon politikon“. Mag sein. Für einen Journalisten, der einem Absolventen des Ignaz-Günther-Gymnasiums zu Rosenheim (an dem laut „Wikipedia“ Latein die erste Fremdsprache ist ...) einen Mangel an humanistischer Bildung vorhalten will, wäre es aber doch ganz gut, oder? Wer anderen Halbwissen vorhalten möchte, sollte sein eigenes Nullkommairgendwaswissen wohl nicht erst ad hoc bloß aus „Wikipedia“ beziehen. Und vor allem sollte er sich nicht von Hass verblenden lassen, wenn er jemanden als Blender entlarven will.

Montag, 21. November 2011

Kleist, Bartholomae und ich

Heute jährt es sich zum zweihundertsten Mal, dass am Kleinen Wannsee jene Schüsse fielen, mit denen Heinrich von Kleist erst Henriette Vogel, dann sich selbst tötete. Darum gilt 2011 bekanntlich als Kleist-Jahr. Schon im September dieses Jahres hatte der Verleger, Herausgeber und Autor Joachim Bartholomae „Acht Thesen zur Außenseiterthematik bei Kleist“ unter dem Titel „Von Kleist lernen heißt verlieren lernen“ vorgelegt. Er machte sie auch im Blog „Schwule Literatur“ zugänglich und versah sie mit kommentierenden Ergänzungen. Jetzt habe ich die, wie ich finde, überaus erhellenden Thesen meinerseits kommentiert. Wer das nachlesen möchte, kann es hier, an meinem Netzort, tun.

Samstag, 19. November 2011

Mittwoch, 16. November 2011

Was haben Rechte gegen Schwule?

Man darf es sich auch einmal leicht machen und einen Text auch einfach deshalb kommentieren, weil er es einem so umstandslos erlaubt, ihn Satz für Satz seiner Irrtümer, Missverständnisse, Vorurteile und Ressentiments zu überführen. Der Text, den ich mir jüngst an meinem Netztort (vulgo website) nicht zuletzt seiner gedanklichen Einfachheit halber vorgenommen habe, trägt den pompösen Titel „Systemkrise: Perfide Politisierung der Sexualität“, stammt von einem mir weiter nicht bekannten Herrn Larsen Kempf und wurde am 22. Juni 2010 im Weblog „www.dasgespraech.de“ veröffentlicht. Dass mir Kempfs Beitrag erst mit mehr als einem Jahr Verspätung untergekommen ist, hat damit zu tun, dass ich erstens solch rechtsbizarre Blogs für gewöhnlich nicht lese und dass ich zweitens eigentlich nach etwas bzw. jemand anderem gegoogelt hatte. Nämlich nach Martin Böcker, der nicht nur die „Redaktion“ des genannten Blogs darstellt oder vielmehr darstellte (seit Dezember 2010 gibt es dort anscheinend keine neuen Beiträge mehr), sondern vor allem als Redakteur von „Campus“, der „Zeitung des studentischen Konvents der Universität der Bundeswehr München“ tätig ist. Erst jüngst wurde er von seinen Mitstudierenden in dieser Funktion bestätigt und zwar, wie man sagen wird dürfen, nicht trotz, sondern wegen seiner einer kritischen Öffentlichkeit als besonders rechtslastig aufgefallenen Texte. Er soll, wie ich irgendwo las, auch über Frauen bei der Bundeswehr und über Homosexuelle geschrieben haben, das war der Anlass, warum ich nach ihm googelte. Böcker gesucht und Kempf gefunden: Sei’s drum. Der Text „Systemkrise“ ist so grotesk, dass er sich zur Zerlegung geradezu aufdrängt, wenn man analysieren will, was Rechte eigentlich gegen Schwulen (und Lesben) haben — die es im Übrigen ja leider auch unter ihnen gibt. Wen also interessiert, was ich zu Kempfs Ausführungen geschrieben habe, der findet es hier.

Freitag, 11. November 2011

Schlüssig daneben

Der Kandidat, ein dreiundzwanzigjähriger Student der Chemie, wird beim Fernsehquiz vor die Wahl gestellt, ob „Dysphonie“ Heiserkeit, Zähneknirschen, Blähungen oder Ohrensausen bezeichnet. Er weiß viel und redet und redet, um sich davon zu überzeugen, dass es sich ums Ohrensausen handeln müsse. Der Junge hat sich mit Frisur und Kleidung alle Mühe gegeben, nach modisch-coolem Nullachtfuffzehntyp auszusehen, aber seine Redeweise verrät halt doch den pseudointellektuellen Naturwissenschafts-„Nerd“. Und so rasselt er, trotz aller Warnungen des Moderators und mit zwei ungenutzten Jokern von 64.000 auf 500 Euro runter. „Sie haben sich irre klugen Gedanken gemacht, ich bin noch nicht mal in der Lage gewesen, das zu widerlegen, es war schlüssig dargelegt — aber es ist anders.“ Es war nämlich halt doch die Heiserkeit. Schade, denn der Mann war mir nicht einmal unsympathisch.
Seine Vorgangsweise scheint mir paradigmatisch. Nicht, dass derlei einem Geistes- oder Sozialwissenschaftlern nicht hätte passieren können. Aber verfährt man in den Naturwissenschaften nicht gerne so: Sich auf der Grundlage von zu wenig und zudem wenig belastbaren Daten die Welt zusammenreimen und daraufhin ein großes Risiko eingehen? Wieder einmal wurde mir so nebenher, beim Fernsehen, ein charakteristisches Vorurteil bestätigt …

Dienstag, 8. November 2011

Tacheles

Am Randes des Gipfels der G20 in Cannes. Sarkozy: „Ich halte Netanyahu nicht aus, er ist ein Lügner.“ Obama: „Sie haben ihn satt, aber ich muss mich jeden Tag mit ihm abgeben.“ Bedarf es mehr als dieses Wortwechsels, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war und nur durch Zufall mitangehört wurde, um den hohlen Kern der Weltpolitik freizulegen?

Samstag, 5. November 2011

Vermischte Meldungen (2)

Niemand wird Mehmet Kilic nachsagen können, er sei nicht gut integriert. Der nach eigenen Angaben in der Türkei geborene — wo dort eigentlich genau? — integrationspolitische Sprecher der deutschen Grünen kann wirklich rumpöbeln wie ein richtiger Stammtischgermane. Im Vorfeld des Deutschlandbesuches des türkischen Regierungschefs stänkerte Kilic, Erdogans jüngste Äußerungen zu den Mängeln der deutschen Integrationspolitik seien „unerträgliche Stimmungsmache“, für die sich der Politiker entschuldigen müsse, ansonsten müsse „die Bundeskanzlerin ihn öffentlich zurechtweisen“. Das spricht der deutschen Selbstgefälligkeit aus der verstimmten Seele und steht darum folgerichtig, habe ich mir sagen lassen, in der „Bild“-Zeitung.

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Über die Nachfolge des unlängst verstorbenen griechisch-othodoxen Metropoliten von Wien ist bereits entschieden. Der neue Bischof werde, heißt es, wie sein Vorgänger für die rund 500.000 orthodoxen Christen in Österreich zuständig sein. Wie das? Selbst wenn die Zahl der Orthodoxen tatsächlich eine halbe Million beträgt: Sind sie denn alle griechisch-orthodox? Oder gibt es nicht vielmehr, als staatlich anerkannte Religionsgemeinschaften, neben der griechisch-orthodoxen Kirche, die dem Patriarchen von Konstantinopel untersteht, und der sehr viel kleineren griechisch-orthodoxen Kirche des Patriarchats von Antiochien auch die bulgarisch-orthodoxe, die rumänisch-orthodoxe, die russisch-orthodoxe und nicht zuletzt die serbisch-orthodoxe Kirche in Österreich, von den nicht staatlich anerkannten orthodoxen Kirchen und ihren Mitgliedern gar nicht zu reden? Alle diese Kirchen haben ihre eigenen Hierarchen und unterstehen keineswegs sämtlich dem vom Ökumenischen Patriarchen eingesetzten Metropoliten.

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Die Republik Irland habe beschlossen, ihre Botschaft im Vatikan zu schließen, heißt es. Da wüsste man vielleicht doch ganz gern, wo genau „im Vatikan“  diese Botschaft sich denn bisher befunden hat. Viel Platz ist dort ja nicht. Oder handelt es sich nicht womöglich doch eher um die irische Botschaft beim Heiligen Stuhl? Die aber befindet sich in Trastevere, rund anderthalb Kilometer Luftlinie von der Vatikanstadt entfernt.

Donnerstag, 3. November 2011

Nö, er darf nicht

Demokratie is nich. Papandreous Plebiszitplan ist geplatzt. Mutti und der Kobold haben sich durchgesetzt, mit Erpressung und kaum verhohlener Drohung. Das wäre ja auch noch schöner, dass Banken und Fonds und andere Raffgeier vielleicht nicht an „ihr“ Geld kämen (also an die europäischen Steuergelder, mit denen Griechenland seine Schulden bedienen soll, was über Sozialabbau zu refinanzieren wäre), bloß weil man den Griechen erlaubt, darüber abzustimmen, ob sie sich an der Pest der Pleite oder der Cholera des Kaputtkürzens den volkswirtschaftlichen Tod holen wollen.
Ein bisschen erinnert mich das (eine völlig ungehörige Assoziation. ich weiß), an den von Hitler verbotenen und den Einmarsch deutscher Truppen veranlassenden Versuch Schuschniggs, durch eine Volksabstimmung der Bevölkerung ein Bekenntnis zur staatlichen Eigenständigkeit Österreichs abzuverlangen. Nun, diesmal sind die Deutschen ausnahmsweise mal nicht einmarschiert. Und die Drohung besteht nicht im Anschluss, sondern im Ausschluss.
Die Frage bleibt, ob irgendjemand Griechenland überhaupt zwingen kann, die Drachme wieder einzuführen. Was, wenn die Griechen keine neuen Noten drucken und Münzen prägen, sondern ungerührt weiterhin den Euro nutzen, auch wenn Mutti und der Kobold den rechtlich problematischen Ausschluss aus der Eurozone durchdrücken sollten? Immerhin verwenden auch Montenegro und die serbische Provinz Kosovo (sowie die großbritischen Souveränen Militärbasen auf Zypern) den Euro, und sind nicht einmal Mitglieder der EU. Sogar im fernen Simbabwe gilt der Euro, nebst Rand und US-Dollar, als gesetzliches Zahlungsmittel. Und da wollte man derlei den Griechen, unseren heißgeliebten Urlaubsgriechen, verwehren?
So oder so ist die „Euro-Krise“, die Mutti, der Kobold und die übrigen Verdächtigen derzeit aufführen, ein Glanzstück anti-europäischer Politik. Man tut schon gar nicht mehr so, als ginge es um die Interessen der Bürgerinnen und Bürger oder ein imaginäres europäisches Ideal. Was zählt, sind einzig und allein „die Märkte“ und wie die einzelne Nationalökonomie sich denen am bravsten unterwerfen kann. Das „europäische Projekt“ erscheint recht ungeschminkt als das, was es ohnedies immer war: eine Bündelung von Kapitalismen, um Konkurrenzdenken, Entsolidarisierung und soziale Segmentierung in größerem Maßstab vorantreiben zu können. Staaten gibt es, damit die Reichen reicher und die Armen ärmer werden, und Staatenbündnisse, damit daran immer jemand anderer schuld ist.

Mittwoch, 2. November 2011

Demokratie? Darf der denn das?

Ja, was fällt denn dem ein! Europas Politiker und ihre alles nachplappernde Journalistenmeute geben sich entsetzt: Griechenlands Regierungschef will das vom Ausland verordnete „Sparprogramm“ einer Volksabstimmung unterziehen. So geht das doch nicht! Demokratie ist ja gut und schön, aber dafür wird doch alle paar Jahre gewählt, und in der Zeit dazwischen haben die Politiker schließlich die Blankovollmacht, jeden Scheiß zu bauen, äh, ich meine: eine alternativlose Politik der wirtschaftlichen Notwendigkeiten und Sachzwänge zu betreiben.
Die Leute abstimmen lassen, ob sie wollen, was ihnen vorgeschrieben wird, pfui, da könnte ja jeder kommen. In den Redaktionsstuben und Foren kocht der gerechte Volkszorn hoch: Was wenn wir darüber abstimmten, ob wir denen noch Geld geben wollen?
Nur wenige scheinen die perfide Raffinesse Papandreous zu begreifen: „Sparprogramm“ oder Staatsbankrott, ihr habt die Wahl. Ob Pest oder Cholera, die Gelackmeierten sind die Griechen sowieso. Von Europas Rettungsgeldern sehen sie ohnehin keinen Cent. Das Geld bekommen die Gläubiger, also die Banken und anderer Abschaum. Die Bevölkerung hingegen bekommt so oder so eingeschränkte öffentliche Leistungen, gekürzte Löhne, Gehälter und Ruhestandsbezüge sowie Massenentlassungen. Aber man wird ihnen sagen können, was wollt ihr denn, ihr habt es ja so gewollt.
Die merkwürdigste aller Drohungen Richtung Hellas aber ist der vielberedete Rauswurf aus der Eurozone. Nicht bloß, dass das rechtlich schwer zu machen wäre, es ist auch sachlich nicht einleuchtend. Hat denn irgendjemand in den glorreichen Zeiten, als Deutschland noch seine über alles geliebte D-Mark hatte, daran gedacht, überschuldete Länder (wie Berlin oder Bremen) aus der D-Mark-Zone rauszuwerfen? (Analog: Österreich, Schilling, Burgenland.)
Wer so denkt, denkt immer noch nationalstaatlich und also anti-europäisch. Das ist Kirchturmspolitik im schlechtesten Sinne. Die Glockenspiele sind zwar auf einander abgestimmt, aber Gotteshäuser gehören grundverschiedenen Konfessionen.
Eine gemeinsame Währung ist nichts, was beliebig einführt oder abschafft, keine von Lust und Laune anhängige Entscheidung wie die Teilnahme oder Nichtteilnahme am Eurovision Song Contest. Auch wenn alle Währungen etwas Fiktives haben, ist doch die Gemeinsamkeit derer, die sich ihrer bedienen, ist echt. (Dass Länder wie Großbritannien, Dänemark und Schweden nicht zur Eurozone gehören, ist nur folgerichtig, diese Länder gehören auch nicht in die EU.)
So oder so, das griechische Referendum über die sozioökonomische Selbstzerstörung ist der richtige Schritt, mögen Merkel, Sarkotzi & Co.sich noch so beleidigt darüber geben, dass ihre Hinterzimmerpolitik scheinbar in Frage gestellt wird. Denn Demokratie bedeutet ja, dass die Regierten von den Regierenden so lange traktiert werden, bis sie dem Regiertwerden zustimmen. Papandreou macht, so gesehen, alles richtig.