Freitag, 29. Juni 2012

Aufgeschnappt (bei einem Weisen)

Ich glaube absurder Weise, gegen jede Evidenz, an unsere Freiheit, in jedem geschichtlichen Moment ein Ereignis hervorzubringen, das die Erde aufhören lässt, ein beschissener Ort zu sein.

Dirck Linck (Literaturwissenschaftler)

Dienstag, 26. Juni 2012

Beschneidung ist Körperverletzung!

Es gibt noch Richter in Köln! Und sogar gerechte und vernünftige. In einem heute veröffentlichten Urteil stellt das Kölner Landgericht fest, dass die religiös motivierte Beschneidung Minderjähriger Körperverletzung und also strafbar ist.  Diese einfache Wahrheit (die auch in diesem Blog schon verkündet wurde) wird nicht allen gefallen. Dieter Graumann etwa, der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, nannte das Urteil bereits einen unerhörten und unsensiblen Akt. Als ob in einem Rechtsstaat nicht nach Recht und Gesetz entschieden, sondern auf die Gefühle von Graumann und seinen Gesinnungsgenossen Rücksicht genommen werden müsste! Graumann stellte weiters fest, die Beschneidung neugeborener Jungen sei fester Bestandteil der jüdischen Religion, werde seit Jahrtausenden praktiziert und in jedem Land der Welt respektiert. Als ob eine Praxis nicht alt und lange weitgehend unwidersprochen und trotzdem rechtswidrig sein könnte! Wenn eine Straftat fester Bestandteil einer Religion ist, dann ist diese Religion eben kriminell. Will Herr Graumann das wirklich so verstanden haben?
Leider ist das Kölner Urteil keines in letzter Instanz. Es ist anzunehmen, dass jüdische und muslimische Lobbys nicht ruhen werden, bis Karlsruhe oder Strassburg mit dem Fall befasst sind. Oder bis der deutsche Gesetzgeber einschreitet und die Körperverletzung aus religiösen Gründen ausdrücklich straffrei stellt. Ab jetzt wird der Druck jedenfalls wachsen, die einfache Wahrheit, dass der Körpers eines Kindes, auch dann wenn es ein Junge ist, nicht zur Verfügungsmasse der Eltern gehört und dass das irreparable Abschnippeln der Vorhaut illegtim ist, wieder zu unterdrücken und die Knabenbeschneidung wieder legal zu machen. Doch auch die Hoffnung, dass Vernunft und Gerechtigkeit schließlich doch obsiegen, hat neue Nahrung bekommen. In diesem Sinne: Lasst ihre Vorhaut dran!

Sonntag, 24. Juni 2012

Lutz van Dijk vs. Sarah Schulman

Schön, dass Lutz van Dijk endlich einmal die Zeit gefunden hat, alte Zeitungen durchzugehen. Das scheint zumindest sein Kommentar in der „tageszeitung“ vom 23. Juni 2012 zu bezeugen. Er befasst sich dort mit einem Artikel Sarah Schulmans in der „New York Times“, der bereits am 22. November vorigen Jahres erschienen war. (Davon, dass Schulman „nun“ etwas geäußert habe, wie van Dijk es formuliert, kann somit nicht im Ernst die Rede sein.) Leider hatte van Dijk wohl nicht auch noch die Zeit, wirklich zu lesen, was Schulman schreibt. Oder er sagt einfach gern die Unwahrheit. So hat Frau Schulman unter anderem nicht, wie Herr van Dijk ihr vorhält, von „der deutschen Lesben- und Schwulenbewegung“ geschrieben, sondern sehr präzise von der German Lesbian and Gay Federation, also dem LSVD. Sie hat ihren Text auch nicht mit einem Verweis auf den norwegischen Massenmörder „garniert“ und auch nicht gesagt, dieser sei „angeblich“ von Bruce Bawer „beeinflusst“, sondern sie gab korrekt an, der Massenmörder habe den schwulen amerikanischen Kritiker muslimischer Einwanderung zitiert.
Wenn es Lutz van Dijk um sachliche Auseinandersetzung und nicht um plumpe Polemik geht, warum entstellt und verdreht er dann, was Schulman gesagt hat? (Die übrigens noch diese „Garnierungen“ aufbietet: „In the Netherlands, some Dutch gay people have been drawn to the messages of Geert Wilders, who inherited many followers of the assassinated anti-immigration gay leader Pim Fortuyn, and whose Party for Freedom is now the country’s third largest political party. (…) The Guardian reported last year that the racist English Defense League had 115 members in its gay wing.)
Unwahr ist auch van Dijks Behauptung, der von Schulman erwähnte Begriff „pinkwashing“ solle „jene Vertreter sexueller Minderheiten geißeln, die ihr mühsam errungenes Menschenrecht auf sexuelle Selbstbestimmung — das noch immer in nur wenigen Teilen der Welt gilt — angeblich missbrauchen: für dummes Party-CSD-Gehabe, zur Ausgrenzung ebenfalls benachteiligter muslimischer Immigranten und zur Verharmlosung der israelischen Besatzungspolitik in Palästina“. Das ist ein glatte Lüge. Schulman schreibt: „The growing global gay movement against the Israeli occupation has named these tactics ‘pinkwashing’: a deliberate strategy to conceal the continuing violations of Palestinians’ human rights behind an image of modernity signified by Israeli gay life.“
Den Hintergrund beschreibt Sarah Schulman so: „In 2005, with help from American marketing executives, the Israeli government began a marketing campaign, ‘Brand Israel’, aimed at men ages 18 to 34. The campaign, as reported by The Jewish Daily Forward, sought to depict Israel as ‘relevant and modern’. The government later expanded the marketing plan by harnessing the gay community to reposition its global image.“ Sie fährt fort: „Last year, the Israeli news site Ynet reported that the Tel Aviv tourism board had begun a campaign of around $90 million to brand the city as ‘an international gay vacation destination’. The promotion, which received support from the Tourism Ministry and Israel’s overseas consulates, includes depictions of young same-sex couples and financing for pro-Israeli movie screenings at lesbian and gay film festivals in the United States. (The government isn’t alone; an Israeli pornography producer even shot a film, ‘Men of Israel’, on the site of a former Palestinian village.)
Bemerkenswerterweise geht Lutz van Dijk mit keinem Wort auf diese Darstellung ein, er ignoriert sie schlicht. Soll man daraus schließen, dass er ihren Wahrheitsgehalt nicht in Zweifel zieht, und darum seine Zuflucht zu ebenso allgemeinen wie unfairen und sachlich falschen Behauptungen nehmen muss?
Van Dijk meint: „Nicht die Kritik an jenen Vertretern des Islam, die schwulen- und frauenfeindlich auftreten, ist das Problem, sondern die Pauschalisierung dieser Kritik.“ Hat jemand etwas anderes behauptet? Zumindest nicht Sarah Schulman, die vielmehr schrieb: „These depictions of immigrants“ (auf die ihr Text zuvor verwies) „ — usually Muslims of Arab, South Asian, Turkish or African origin — as ‘homophobic fanatics’ opportunistically ignore the existence of Muslim gays and their allies within their communities.“ Mit anderen Worten, die Kritik an (realen, besonders aber imaginären) schwulen- und frauenfeindlich Muslimen ist der Vorwand für eine pauschale Gleichsetzung des Islam mit Schwulen und Frauenfeindlichkeit.
Van Dijk meint: „Nicht die endlich auch in Israel erstrittenen Rechte für sexuelle Minderheiten sind das Problem, sondern das Infragestellen dieser Rechte als ‘Werbemittel’ für den sich liberal gebenden Staat Israel.“ Als ob irgendjemand, gar Sarah Schulman, die besagten Rechte in Frage gestellt hätte! Nicht die „Rechte“, sondern das falsche Bild, das mit dem gezielten Hervorheben einer vermeintlichen Homosexuellenfreundlichkeit gezeichnet wird, wird mit dem Begriff „pinkwashing“ angesprochen (der nicht oder nicht nur, wie van Dijk meint, mit „brainwashing“ zu tun haben dürfte, sondern zumindest auch oder vor allem mit „whitewashing“).
Van Dijk meint: „Das Problem ist nicht, dass es auch rechte und rassistische Politiker gibt, die – leider – zuweilen schwul sind. Das Problem ist, dass sexuelle Orientierung hier zu einem qualitativen Persönlichkeitsmerkmal erhoben wird, das es nicht ist: Weder die Hautfarbe noch die Religion und eben auch nicht die sexuelle Orientierung sagen etwas aus über die menschliche Qualität einer Person. Und das bedeutet in der Umkehrung, dass Menschenrechte unteilbar sind. Sie gelten für Palästinenser wie Israelis, für VertreterInnen sexueller Mehrheiten wie Minderheiten.“ Wer hätte etwas anderes gesagt? Sarah Schulman (oder gar die van Dijk wohl besonders verhasste Judith Butler) als Vertreterin eines Essenzialismus, der sexuelle Orientierung zu einem qualitativen Persönlichkeitsmerkmal erhebt? Wie lächerlich möchte Lutz van Dijk sich machen. Davon kann keine Rede sein. Das Argument, dass er zu verstehen (oder wahrzunehmen) sich so hartnäckig weigert, ist vielmehr ein anderes: Dass es kein Widerspruch (mehr) ist schwul oder lesbisch oder sonstwie nicht-heterosexuell zu sein und für die „Rechte sexueller Minderheiten“ einzutreten und gleichzeitig xenophob, nationalistisch und rassistisch zu sein. Ja, dass im Gegenteil sogar die Vorkämpfer für die Rechte sexueller Minderheiten sich in explizit xenophobe, rassistische, nationalistische Bewegungen eingliedern. (Jasbir Puar hat das mit dem Begriff „Homonationalismus“ bezeichnet, den Schulman aufgreift; wie erbost wird Lutz van Dijk erst sein, wenn er nach Butler und Schulman auch Puar als Lieblingsfeindin entdeckt!)
Nichts von dem, was Sarah Schulman vorigen November sagte, wird von Lutz van Dijk widerlegt. Erstens, weil er es falsch wiedergibt, und zweitens, weil er kein Gegenargument vorbringt. Dümmliche Bemerkungen wie die, Judith Butler und Sarah Schulman hätten sich mit ihren Provokationen im eher biederen US-amerikanischen Kontext einen Namen gemacht, die notwendige Aufklärung hätten sie jedoch nicht vorangetrieben, zeugen nicht gerade von besonderer Sachkenntnis. Wenn van Dijk anmerkt, von Pauschalisierungen und Generalisierungen bliebe meist nichts als Spektakel übrig, so fällt das bedauerlicherweise auf seine eigenen Ausführungen zurück.
Lutz van Dijk ist seit vielen Jahren ein verdienter Aktivist. Er hat lesenswerte Bücher geschrieben und seinen Einsatz für Menschenrechte in Südafrika und anderswo kann man gar nicht genug bewundern. Welcher Teufel ihn aber nun reitet, sich in einen ebenso aussichtslosen wie nur für Uninformierte zustimmungsfähigen Kleinkrieg gegen Schulman und Butler zu verrennen, ist nicht nachzuvollziehen. (Der Unsinn, den er in der Broschüre „Ist Liebe ein Menschenrecht?“ gegen Butler schreibt, wäre ein Kapitel für sich, das ein anderes Mal aufgeschlagen zu werden verdient …) Irgendeinen politischen Sinn außer den der Spaltung und Aufhetzung kann man darin schwerlich erkennen. Van Dijk möchte, das ist immerhin „Mehrheiten“ schaffen, um „Minderheiten“ zu schützen und rechtlich gleichzustellen. Warum ihm dabei die grundsätzliche Kritik an falschen und schädlichen Positionen und Strategien, ob sie nun von Mehrheiten oder Minderheiten propagiert und praktiziert werden, ein solcher Dorn im Auge sind, weiß ich nicht. Er erklärt Butler und Schulman wegen ihrer radikalen Kritik kurerhand zu Fundamentalistinnen. Nun, Oberflächlichkeit und leeres Geschwätz sind allerdings auch keine Lösung. Und die Aufklärung befördert man sicher nicht durch die aufgeregte Verbreitung von Unwahrheiten.
 

Sonntag, 10. Juni 2012

Wenn der Rechtsstaat sich wehren muss (gegen Salafisten)

Man sage nicht, der Mann habe keine originellen Ideen. Der deutsche Bundesminister des Innern, Hans-Peter Friedrich, plädiert öffentlich dafür, Salafisten die Sozialleistungen zu kürzen („Die Welt“: „Friedrich will Salafisten an den Bart“, 8. Juni 2012): „Man sollte über alle Sanktionen nachdenken, die unser Sozialstaat hergibt. Ich halte es grundsätzlich für richtig, wenn staatliche Zuschüsse für solche Extremisten überprüft werden.“ Irgendwelche Angaben darüber, welche Sozialleistungen Personen, die (wie eigentlich?) amtlicherseits als Salafisten markiert werden, überhaupt bekommen, macht der Minister nicht. Angesprochen auf einen einzelnen Fall — den, so „Die Welt“ wörtlich „Hintermann der Koran-Verteilung in Deutschland“; was für ein Verbrecher, verteilt Bücher! an Deutsche! —, bei dem ein „Salafist“, so die Zeitung „angeblich 1.860 Euro Hartz IV im Monat für sich und seine drei Kinder erhalte“ (am Rande fragt man sich, mit welchem Recht das Blatt die Einkommensverhältnisse eines namentlich Genannten offenlegt), soll Bundesminister Friedrich geantwortet haben: „Ich teile das Unbehagen der Bürger zu 100 Prozent. Dass diese Leute auf Kosten des Steuerzahlers leben, finde ich unerträglich. Der Rechtsstaat muss sich dagegen wehren.“
Nun, man könnte selbstverständlich auch der altmodischen, gutmenschlich-naiven Meinung sein, es sei geradezu ein rechtsstaatlicher Grundsatz, dass Sozialleistungen nicht an die religiöse odr politische Gesinnung der Empfänger gebunden sind. Aber solche Skrupel passen nicht mehr in unsere Zeit. In die passt der antiislamistische Populismus à la Friedrich.
Allerdings kann dann die Streichung von Transferleistungen, auf die bisher ein Rechtsanspruch bestand, nur der Anfang sein. Diese Leute (und ihre Kinder!) müssen die ganze Härte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung und jüdisch-christlich geprägten abendländischen Wertkultur kennenlernen! Wie wäre es, wenn alle Salafisten einen, na sagen wir mal: grünen Stern tragen müssten? Wenn die Salafisten als zweiten Vornamen Mohammed und die Salafistinnen Aischa annehmen müssten? Selbstverständlich sollte man ihnen ein arabisch stilisiertes S in die Pässe stempeln. Auch Ehe und Sex mit Personen abendländischen und demokratischen Blutes müssen verboten werden. Ebenso ist die Haltung deutscher Meerschweinchen zu untersagen. Satellitenschüsseln und MP3-Player sind abzuliefern. Am besten, man brächte zur besseren Überwachung alle Salafisten, die man nicht gleich abschiebt, an einem Ort zusammen. Arbeitslager in Mecklenburg-Vorpommern und anderen blühenden Landschaften des Ostens sind zumindest anzudenken.
Mit all dem ist es aber selbstverständlich auch noch nicht getan. Wahrscheinlich leben ja noch ganz weitere Unholde im Luxus von Arbeitslosengeld II und anderen vom Rechtsstaat bisher fälschlicherweise nicht an ihre Gesinnung gebundenen Sozialleistungen. Kommunisten zum Beispiel. Oder Autonome. Nichtwähler kämen da auch in Frage. Und Pazifisten. Überhaupt sollte man erst seine Treue zum Grundgesetz und den westlichen Werten (Waffenexport und Kriegführung inklusive) unter Beweis stellen müssen, bevor man irgendeinen Antrag stellen darf. Oder sonstwie der hart arbeitenden Volksgemeinschaft auf der Tasche liegen. Wäre ja noch schöner, wenn Salafisten und anderes Gesocks weiterhin einfach so die mit demokratischen Steuermitteln bezahlten Autobahnen verwenden dürften! Friedrich, übernehmen Sie.

Freitag, 8. Juni 2012

Aufgeschnappt (bei einem Deutschen)

Stahlhelme aufsetzen, groß machen und dann, äh, ist man, wenn so eine Situation kommt, aber wir, wir haben ja auch, unsere Spielphilosophie ist (...)

Hans-Dieter Flick (DFB-Mitarbeiter)

Donnerstag, 7. Juni 2012

Myself revisited: „Bemerkungen zur männlichen Homosexualität“ (1991)

Alt, aber gar nicht mal so übel: Auch nach über 20 Jahren finde ich meinen (an meinem Netzort wieder zugänglich gemachten) Text „Liebe Männer. Bemerkungen zur männlichen Homosexualität“ durchaus noch lesenswert. (Der Titel ist selbstverständlich eine Hommage an das Buch Männer.Liebe. Ein Handbuch für Schwule und alle, die es werden wollen von Matthias Frings und Elmar Kraushaar aus dem Jahr 1982). Liebe Männer war der erste Text, den ich zum Thema Homosexualität publizierte.
Dieser Tage, mehr als vingt an après,  habe ihn nach langer Zeit des Fastvergessens wiedergelesen und muss in aller Bescheidenheit sagen: Er gefällt mir. Gewiss, heute fiele wohl manche Formulierung anders aus, ich setzte mitunter andere Akzente, wäre vielleicht weniger sprunghaft und zuweilen präziser. Aber erstaunlicherweise muss ich mir, von heute aus gesehen, an keiner Stelle völlig widersprechen, und ich bin durchaus angenehm davon berührt, dass ich damals schon Motive und Themen ansprach, die mich noch heute beschäftigen.
Heute würde ich sicherlich mehr Nachdruck darauf legen, dass der moderne Homosexualitätsbegriff ein Sein, einen Status, eine Identität meint, während die alten Wertungen Laster, Krankheit, Verbrechen usw. sich auf homosexuelle Handlungen bezogen. Ein Unterschied, der insofern relevant ist, weil durch das gegenwärtig hegemoniale Konzept Homosexualität auf das Homosexuellsein der Homosexuellen beschränkt wird, was gleichgeschlechtliche Empfindungen und Handlungen derer, die nicht „schwul“ (oder lesbisch) sind oder sein wollen, unsichtbar, undarstellbar, unaussprechlich macht. Vielleicht macht es sie sogar in hohem Maße unmöglich. (Sozialwissenschaftliche Untersuchungen weisen jedenfalls darauf hin; zwischen 1978 und 1998 gab es einer Studie zufolge bei männlichen Jugendlichen einen Rückgang homosexueller Erfahrungen um 90 Prozent.) Auf eine Formel gebracht: In den westlichen Gesellschaften sind Homosexuelle weitgehend emanzipiert, ihre Diskriminierung gilt als unanständig. Homosexualität jedoch, als eine jedem Menschen mögliche Erfahrung, ist alles andere als emanzipiert und wird — gerade durch die Beschränkung der Homosexualität auf das Homosexuellsein — in zuvor nie geahnter Weise ausgeschlossen und unterdrückt.
Unter diesem Aspekt fiele heute auch meine Kritik an den real existierenden „Lesbenundschwulen“, ihren (meist selbsternannten) RepräsentantInnen und der vorherrschenden Identitätspolitik noch weit schärfer aus als damals schon. Realistischerweise halte ich zwar das kritische, subversive, gar revolutuionäre Potenzial der Homosexuellen für gering, was aber nichts an der mir schlichtweg unabdingbaren Forderung ändert, das eigene Anderssein als Chance zu be- und ergreifen, die herrschenden Verhältnisse in Frage zu stellen und herauszufordern, statt sich auf Biegen und Brechen in das schlechte Bestehende integrieren zu wollen (Stichwort „Homo-Ehe“). Im Jahr 1991 waren die spießbürgerlichen Fehlentwicklungen der Homosexuellebewegung zwar längst absehbar, aber (vor allem in Österreich) noch längst nicht so anscheinend irreversibel etabliert wie heute.
Was ich sonst aus heutiger Sicht an dem alten Text zu revidieren hätte, sind lauter Kleinigkeiten. Die Geschichte der Homosexualitätsbegriffe und der Zusammenhang von Heterosexualität und Homosexualität scheint mir rückblickend etwas zu flott und mit einigen Gedankensprüngen geschrieben zu sein. Ich stand damals noch sehr am Anfang meiner Forschungen und hatte mehr zu sagen, als ich ausdrücken konnte.
Dass ich heute das quasifeministische, antipatriarchale Vokabular von 1991 so nicht verwenden wollte, braucht wohl kaum extra erwähnt zu werden.  Es war den Umständen geschuldet. Denn „Liebe Männer“ erschien ja damals (Mai 1991) in „Wischi-Waschi. Die Männerzeitung“, 1. Jg., Nr. 1.  Diese „Männerzeitung“ war ein aus einer 1989 an der Grund- und Integrativwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien gegründeten Männergruppe hervorgegangenes Projekt von Studenten und Nichtstudenten, das von vornherein auf diese eine Nummer beschränkt war. 
Später  wurde der Text dann in einer von mir kaum veränderten Fassung (aber grauenvoll von lieblosem Layout und mangelnder Korrektur entstellt) im „Männerkalender 1992“ wieder abgedruckt. Das war übrigens das erste Mal, das etwas von mir Geschriebenes in so ziemlich allen Buchhandlungen des deutschen Sparchraumes auslag; zumindest stellte ich mir das so vor und werde dieses Gefühl, als ich das erste Exemplar jenes „Männerkalenders“ im Regal eines Buchladens sah, nie vergessen: Es war überwältigend wie ein Orgasmus.
Noch später hatte ich mit dem Text eine weitere interessante Erfahrung. Ich kaufte 1993 an einem Kiosk ein Exemplar der „Gay News“, einer in Ostdeutschland erscheinenden, aber überregionalen Zeitschrift. Ich blätterte darin herum, las dieses und jenes und stieß schließlich auf einen Artikel, bei dem ich mir dachte: Gut gedacht und gesagt, so ähnlich würde ich es durchaus auch geschrieben haben. Ich brauchte tatsächlich einige Minuten, bis ich verstand, dass es mein eigener Text war, den ich da las, ein (leider anonymisierter) mehrteiliger Wiederabdruck von „Liebe Männer“! Diese Anekdote hat mir seither oft dazu gedient, nachzuweisen, dass ich kein selbstverliebter, eitler Autor bin … Was mir trotzdem keiner glaubt.
Am besten an meinem alten Text „Liebe Männer“ gefällt mir übrigens der Epilog, den ich (wiederum eine Hommage, diesmal an Hubert Fichtes „Versuch über die Pubertät“) „Versuch über die Identität“ überschrieben hatte. Gleich im ersten Text, den ich über Homosexualität publizierte und der von vielen meiner damaligen Bekannten und sicher auch einigen mir Unbekannten als eine Art schriftliches coming out missverstanden wurde jede Identitätsverpflichtung zu verweigern, ohne deshalb eine kritische Solidarität aufkündigen zu wollen, also zwar eine gewisse Begrifflichkeit („schwul“ usw. usf.) auf sich selbst anzuwenden und anwenden zu lassen, diese Begrifflichkeit aber zugleich in Frage zu stellen und (ein Lieblingswort jener Zeit in jenem Milieu) zu „dekonstruieren“: Das war schon ein starkes Stück!
Der Stefan Broniowski von heute kann dem Stefan Broniowski von damals also seinen intellektuellen und politischen Respekt nicht versagen. Trotz aller Unzulänglichkeiten, trotz all der Irrtümer und Neuanfänge, die das Leben ausmachen, trotz aller notwendigen Selbstkritik, tut es doch manchmal gut, derselbe Mensch geblieben zu sein. Und für den Fall, das kein anderer mir das sagt, habe ich es hier schon mal selbst gesagt.