Dienstag, 29. Januar 2013

„Antisexistischer“ Rassismus

Es ist ja nun wirklich nicht so, dass ich mein bisschen Lebenszeit damit zu vergeuden pflege, dümmliche Quasselsendungen à la „Günther Jauch“ zu glotzen. Und doch finde ich es recht interessant, dass, wie ich dem Internet entnehme, am letzten Sonntag in besagter Sendung diese Sätze gefallen sind: „Wenn sich jeder so verhält, wie er möchte, dass man sich seiner Frau oder seiner Tochter gegenüber verhält, dann haben wir doch schon ne Menge gewonnen. Das gilt übrigens, wenn ich das noch mal sagen darf, das gilt natürlich auch für unsere Freunde mit Migrationshintergrund, die immer laut von Ehre sprechen und Respekt für sich einfordern, aber ihn grade, einige von ihnen jedenfalls, im Umgang mit Frauen vermissen lassen.“ Also sprach Thomas Osterkorn, einer der Chefredakteure des „Stern“.
Da frage ich mich doch: Wen mag Herr Osterkorn mit „unseren Freunden mit Migrationshintergrund“ meinen? Eingewanderte Österreicher (er selbst wurde in Linz an der Donau geboren) oder Finnen, Monegassen oder Sanmarinesen, Kanadier oder Neuseeländer? Wohl kaum. „Unsere Freunde“ ist offenkundig abschätzig gemeint, wie mancher ja auch gern jemanden „mein Freundchen“ nennt, der gewiss nicht sein kleiner Freund ist. Und „mit Migrationshintergrund“ soll wohl so viel bedeuten wie „orientalisch“.
Früher, als man’s noch sagen durfte — und Osterkorn gehört anscheinend zu denen, die immer wieder darum kämpfen müssen, etwas noch sagen zu dürfen —, sprach man von Ausländern und bezog sich damit nicht unbedingt auf die Staatsbürgerschaft, man sprach von Gastarbeitern und spielte damit nicht eigentlich auf ein Beschäftigungsverhältnis oder einen Aufenthaltsstatus an. Heute sagt man „Menschen mit Migrationshintergrund“ und will damit oft keineswegs auf Individual- oder Familiengeschichte als solche hinaus, sondern auf eine Herkunft von „da unten“, eine Herkunft, die weniger wert ist als andere Herkünfte, weil sie mit Rückständigkeit und Bedrohung konnotiert wird.
Typisch ist an Osterkorns Debattenbeitrag, dass sich dabei Antisexismus — für den ja gerade der „Stern“ sehr bekannt ist — ganz zwanglos mit Rassismus verbindet. Im Namen einer gerade für gut befundenen Sache treibt man sein übliches Geschäft. Alte Ressentiments werden in neueste Aufklärungen verpackt. Vom Chefredakteur eines Halbschmuddelbättchens mehr als solch leicht gehobenes Stammtischblabla zu erwarten, wäre ohnehin illusorisch gewesen. Dass aber niemand Osterkorns Geschwätz spontan widerspricht, könnte überraschen, wenn man solches Ignorieren nicht bereits als Standardreaktion in der Mitte der Gesellschaft voraussetzen müsste. Und so ein bisschen unwidersprochene Fremdenfeindlichkeit passt ja auf perverse Weise auch sehr gut zum Sendetermin, nämlich dem Abend des „Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“, an dem landauf und landab immer wieder gern ein „Nie wieder“ beschworen wurde.
Tagtäglich werden in Deutschland (und Österreich und …) Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer tatsächlich oder einer ihnen unterstellten, verächtlich gemacht und benachteiligt. Kulturelle Traditionen werden abgewertet, für unterentwickelt und unerwünscht erklärt. Setzen Diskriminierte dem ihre Begriffe von Würde und Anstand entgegen, werden sie erst recht verhöhnt oder gar als Gefährder westlicher Werte gebrandmarkt. (Die berüchtigten „Kopftuchmädchen“ etwa, die sich der Bordsteinschwalbenästhetik ihrer Geschlechtgenossinnen nicht anschließen möchten.)
Nun wird gewiss niemand wird behaupten wollen, Sexismus sei kein Problem. Und selbstverständlich hat sexistisches Verhalten Entstehungsbedingungen, die nicht bloß individuell divers, sondern soziokulturell geprägt sind. Keineswegs aber rechtfertigt angeblicher Antisexismus rassistische Unter- oder Obertöne. (Auch wenn der Kampf für Frauenrechte ebenso wie der für Menschenrechte im globalen Maßstab längst gerade von denen propagandistisch instrumentalisiert wird, die im Zweifelsfall jedes Recht mit Füßen treten. Man denke etwa daran, dass Afghanistan bekanntlich nur deshalb von den USA und ihren Verbündeten überfallen wurde, damit Mädchen zur Schule und Frauen ohne Burka auf die Straße gehen können.)
Sicherlich, Osterkorns Gerede ist für sich genommen unerheblich. Wer eine Zeitschrift macht wie den traditionell mit softpornographischen Mitteln arbeitenden „Stern“, ist als Kronzeuge gegen Sexismus so glaubwürdig, wie Samson aus der Sesamstraße es als Ernährungsberater wäre. Schlimm ist nur, dass dem Mann nach seinem xenophoben Statement niemand über den Mund gefahren zu sein scheint. Rassismus ist wohl so selbstverständlich, dass man ihn nicht einmal mehr bemerkt, vor allem nicht, wenn man gerade mit viel Wichtigerem befasst ist. Wie der Frage, wer wem wann warum das Tragen eines Dirndls empfehlen darf.

Sonntag, 27. Januar 2013

Sexismusvorwurf, Sexismusrealität

Was jemand getan hat, ist eine Sache. Was behauptet wird, dass er es getan habe, eine andere. Leider wird in der Öffentlichkeit das eine mit dem anderen oft umstandslos gleichgesetzt. Nun behaupte ich gar nicht, der und der habe das Behauptete nicht getan oder es sei ihm nicht zuzutrauen. Darum geht es gar nicht. Es geht darum, dass nicht einfach jeder Vorwurf schon deshalb als Tatsache gelten darf, weil er erhoben wird. Sonst droht Realitätsverlust.
Im Journalismus gelten zwar andere Regeln als im Justizwesen, in dem bekanntlich jeder als unschuldig zu gelten hat, bis seine Schuld bewiesen und gerichtlich festgestellt wurde. Aber auch bei Journalisten und Journalistinnen sollte es eigentlich üblich sein, Tatsachenbehauptungen zu belegen. Leider wird darauf gerne verzichtet.
Ob die anzügliche Bemerkung, die Frau Himmelreich Herrn Brüderle vorwirft, tatsächlich so geäußert wurde, wie sie es behauptet, können nur Himmelreich und Brüderle wissen — und womöglich sind sie, was den Wortlaut und seine Bedeutung betrifft, verschiedener Meinung. Korrekt wäre es, den Vorwurf Belästigung objektiv zu belegen, durch Zeugen bestätigen zu lassen und dem angeblichen Belästiger die Möglichkeit zu geben, sich zum Vorwurf zu äußern.
Stattdessen hat man beim „Stern“, für den Frau Himmelreich arbeitet, ein ganzes Jahr gewartet, bis man den angeblichen Vorfall publik machte. Für besonders dringlich befand die Redaktion die Sache also nicht, aber als jetzt, weil Brüderle auch sonst viel mediale Aufmerksamkeit bekam, die Gelegenheit günstig war, nutzte man sie, um öffentlichkeitswirksam ein bisschen Schmutzwäsche zu waschen. Wer solchen Journalismus mies nennt, drückt sich noch höflich aus.
Falls Herr Brüderle Frau Himmelreich belästigt hat, ist das übel. Übler finde ich die Politik der FDP. Für die sollte Herr Brüderle mehr als für anderes verachtet werden. Dass Frau Himmelreich sich nicht an Ort und Stelle gewehrt zu haben scheint, sondern sich ein Jahr später von ihrer Redaktion instrumentalisieren lässt, zeigt, wie verlogen der gesellschaftliche Umgang mit Sexismus tatsächlich ist.
Der Trittbrettfahrerinnen und Trittbrettfahrer sind bei dem Thema erwartungsgemäß viele. Alle wollen jetzt immer schon etwas über die Übergriffigkeit von Politikern gegenüber Journalistinnen gewusst haben. Ich meinerseits bezweifle gar nicht, dass all diese üblen Dinge, von den jetzt die Rede ist, stattgefunden haben oder stattfinden hätten können. Ich wundere mich nur, welche Themen wann Konjunktur haben und warum niemand wirklich grundsätzliche Fragen stellt.
Stattdessen werden Klischees von Männern als dauergeilen Böcken und Frauen als verfolgten Unschuldslämmchen durchgehechelt. Das gefällt, weil es dem Selbstbild beider Geschlechter entspricht. Männer als Aufreißer und Frauen als Aufzureißende. Aktivität und Passivität sind dabei verteilt, wie es dem heterosexuellen Modell entspricht.
Wesentlich ist dabei das Dogma, dass das männliche Verhalten nie und niemals Reaktion auf weibliches Verhalten ist. Männer sind Schweine, Frauen sind Heilige. So etwas wie Aufreizung gibt es einfach nicht. Frau Himmelreich hätte sogar im Dirndl an der Hotelbar sitzen und ihre Oberweite auf dem Tresen ausbreiten können, jede Bemerkung von Herrn Brüderle über ihre Körperlichkeit wäre trotzdem blanker Sexismus gewesen.
Sexismusvorwürfe, wie sie üblicherweise geäußert und als Sexismusrealität genommen werden, bestätigen die bestehenden Verhältnisse. Männer sind gewissenlose Täter, Frauen ohnmächtige Opfer. Dass auch Frauen aktiv diese Verhältnisse befördern, indem sie permanent thematisieren, ob sie von Männern attraktiv gefunden werden oder nicht und ob ihnen das Recht ist oder lästig, davon soll keine Rede sein. Sich zum Begehrensobjekt zu stilisieren, um über das Begehren des (heterosexuellen) Anderen zu verfügen, ist allerdings eine Machtposition, die Frauen nicht aufgeben wollen. Darum müssen Abwertung, Belästigung und Vergewaltigung als Möglichkeit immer aufrufbar bleiben. Darum gilt Vorgeworfenes bereits als erwiesene Tatsache. Nur so kann sexuelle Differenz immer wieder als Machtungleichgewicht inszeniert werden.
Kurzum, ich bestreite nicht, dass es sexistisches Verhalten gibt. Aber ich halte es für entscheidend, darauf zu achten, wer die Definitionsmacht darüber besitzt, was Sexismus ist. Männer haben diese Macht offensichtlich nicht, außer sie borgen sie sich von Frauen.

Notfallverhütung?

Notfallverhütung. Was für ein Wort! Ein Unwort. Zudem eine blanke Lüge. Verhütung, das klingt nach etwas, dass man tun kann, bevor etwas passiert, damit es nicht passiert. Man versucht zum Beispiel, Unfälle zu verhüten, durch Vorsicht und Vorkehrungen. Wenn ein Unfall bereits stattgefunden hat, kann man ihn nicht mehr verhüten, sondern nur mit seinen Folgen umgehen.
Dass man beim „normalen“ heterosexuellen Geschlechtsverkehr von Verhütung spricht, erschien mir immer schon eine ideologische Verzerrung. Andere Sprachen sind da ehrlicher: contraception, das ist wertneutral. Empfängnisverhütung hingegen macht aus dem Zusammentreffen von Samen- und Eizelle etwas, was zu „verhüten“ ist; man verhütet aber nichts Gutes.
Wie auch immer. Die sogenannte Notfallverhütung jedenfalls hat, wie Abtreibung überhaupt, nichts mit Empfängnisverhütung zu tun. So etwas wie
nachträgliche Verhütung gibt es nicht. Wenn ein Notfall bereits eingetreten ist, kommt jede Prävention zu spät. Darum ist der Ausdruck „Notfallverhütung“ falsch, verlogen, verharmlosend.
Sogenannte Verhütungsmittel sollen Empfängnis verhindern, also verunmöglichen, dass eine Eizelle von einer Samenzelle befruchtet wird. Dies trifft auch noch für jene „Pille danach“ zu, die ovulationshemmend wirken (den Eisprung unterbinden) und die Spermienbeweglichkeit hemmen soll; sofern sie aber auch nidationshemmend (die Einnistung unterbindend) wirkt, hat sie dieselbe Funktion wie die „Abtreibungspille“: Eine bereits befruchtete Eizelle soll sterben.
Wie man zu Abtreibung steht, ist eine Gewissensfrage. Keineswegs aber eine, die zu beantworten ausschließlich das Recht der Schwangeren ist. Ich persönlich halte Abtreibung für unerlaubte Kindstötung, umgangssprachlich: für Mord. Andere sehen das anders. Manche möchten das Urteil ganz den betroffenen Frauen überlassen. Mir ist allerdings kein anderer Fall bekannt, wo man meint, die Wertung einer Tat, die Folgen für andere hat, als erlaubt oder unerlaubt, dürfe ausschließlich vom Täter oder der Täterin vorgenommen werden.
Wie auch immer man also zu Abtreibung steht, wie auch immer man moralische Regeln und gesetzliche Vorschriften gestaltet sehen möchte, immer sollte man ehrlich und an den Tatsachen orientiert über die Dinge sprechen.
Der Ausdruck „Notfallverhütung“ leistet das Gegenteil. Er verschleiert.
Der Wunsch vergewaltigter Frauen, von ihrem Vergewaltiger nicht schwanger zu werden, ist durchaus
nachzuvollziehen. Aber das Rechtsverhältnis zwischen Täter und Opfer ist eines, das zwischen Mutter und Kind ein anderes. Vergewaltigung ist ein Verbrechen, aber was hat das mit der befruchteten Eizelle zu tun, die zu einem Kind heranwachsen kann? Soll ein mögliches Kind für das Verbrechen seines Vaters bestraft werden? Ist es, weil es in einem schuldhaften Akt gezeugt wurde, selber schuldig? Ist seine Leben unwert, noch bevor es auf der Welt ist?
Ich sehe das nicht so. Ich billige niemandem das Recht zu, über das Leben oder den Tod eines anderen Menschen zu entscheiden. Ich bin gegen die Todesstrafe, gegen Krieg, gegen Euthanasie. Ich bin auch gegen Abtreibung. Dass das nicht als „links“ gilt, ist mir wurscht. Gewissensentscheidungen dürfen sich weder an Etiketten noch am Zeitgeist orientieren. Darum lehne ich die Forderung nach einem Recht auf „Notfallverhütung“ entschieden ab.

Sonntag, 20. Januar 2013

Falsche Frage, ganz falsche Antwort

Ob Österreich weiterhin eine Wehrpflichtarmee oder in Zukunft ein Berufsarmee haben soll, ist die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Braucht Österreich überhaupt Streitkräfte? Und die Antwort kann nur lauten: Nein. Wenn also am heutigen Tag eine Volksabstimmung ergeben hat, dass eine Mehrheit der Abstimmenden für die Beibehaltung der Wehrpflicht ist, dann ist das unzweifelhaft die falsche Antwort auf die falsche Frage.
Mit Ausnahme Liechtensteins und der Schweiz sind alle Staaten um Österreich herum in der NATO. Liechtenstein hat seit 1866 kein Militär. Die Schweiz hat meines Wissens noch nie ein anderes Land überfallen und macht eigehntlich nicht den Eindruck, in absehbarer Zeit damit beginnen zu wollen. Und dass gegen die hochgerüstete und unter anderem über Atomwaffen verfügende NATO keine Gegenwehr möglich, wenn diese beschlösse, Österreich anzugreifen, steht wohl außer Frage.
Wozu also ein Bundesheer? Damit ein Teil der männlichen Bevölkerung weiterhin superlustige Anekdoten aus der Wehrdienstzeit erzählen kann, von Besäufnissen und lebensgefährlichen Beinaheunfällen, von ödem Kasernenalltag und aberwitziger Militärbürokratie? Damit Steuergelder für rostige Rüstungsgüter verpulvert werden? Damit bei Staatsbesuchen eine Blaskapelle spielt?
Österreich braucht keine Streitkräfte. Die Abschaffung der Wehrpflicht wäre ein Schritt in Richtung Entmilitarisierung der Gesellschaft gewesen. Dass heute eine große Mehrheit für die Beibehaltung gestimmt hat, zeigt, was das für Leute sind. Soldaten sind Mörder, schrieb Tucholsky. Was sind dann die, die alle tauglichen Staatsbürger zu Soldaten ausbilden lassen möchten? Auftraggeber. Also noch schlimmer.

Vermischte Meldungen (7)

Pola Kinski? Nie gehört. Anscheinend eine Schauspielerin, die ihre mehr als bescheidene Karriere damit aufzupeppen versucht hatte, dass sie (wie auch ihre Halbgeschwister) den Künstlernamen des Vaters übernommen hatte. Als Pola Nakszynski wäre sie wohl noch unbekannter geblieben denn als Pola Kinski, Tochter von Klaus Kinski. Jetzt, im zarten Alter von 60 Jahren, hat diese Pola K. in Sachen Vermarktung noch eins draufgesetzt, indem sie in ihrer jüngst erschienenen Autobiographie, die ansonsten wohl niemanden zu interessieren vermöchte, davon berichtet, dass ihr Vater sie, als sie ein Kind war, missbraucht habe. Heißa, da freuten sich die Schmutzblättchen und einschlägigen Fernquasselsendungen. Zu Lebzeiten schon war der genialisch-verrückt Kinski immer für einen Skandal gut, jetzt gibt’s halt mal wieder einen post mortem. Wäre das nicht ein pornographisches, sondern ein journalistisches Phänomen, müsste man ja eigentlich mal zwischendurch die Frage stellen: Stimmt denn das überhaupt, was Pola K. sagt? Doch derlei interessiert nicht. Die bloße Behauptung wird mit erwiesener Tatsache gleichgesetzt, und einmal mehr wird ein Missbrauchsvorwurf als Missbrauchsfall behandelt. Nun behaupte ich meinerseits ja gar nicht, dass ich es besser wüsste und dass Kinski kein Sex mit seiner Tochter hatte. (Seinen eigenen Angaben zu folge hatte er auch mit Mutter und Tochter gefickt.) Ich finde es nur bedenklich, dass so viele Medien aus lauter Sensationslust das Geschäft von Frau K. betreiben und ihr beim Verkauf ihres sicher nicht lesenswerten Buches helfen und dabei bedenkenlos jemanden als Verbrecher behandeln, der sich nicht verteidigen (oder selbst bezichtigen) kann, weil er seit über zwanzig Jahren tot ist.
                                                           

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Was denn nun? Erst wurde gemeldet, zwei in katholischer Trägerschaft befindliche Kölner Krankenhäuser hätten eine Vergewaltigte abgewiesen. Dann wurde gemeldet, sie hätten sie nicht abgewiesen, nur die Abtreibungspille verweigert. Schließlich einigte man sich irgendwie darauf, sie sei doch abgewiesen worden, weil man ihr die Abtreibungspille nicht habe geben wollen. Manche nannten das „unmenschlich“. Versucht man, den zuweilen reichlich wirren Berichten und Kommentaren — wenn es gegen die katholische Kirche geht, schnappen manche Journalisten über und die einfachsten Grundregeln der Recherche gelten für sie nicht mehr —, ein paar Fakten zu entnehmen, stellt es sich so dar. Eine junge Frau, die möglicherweise Opfer einer Vergewaltigung war, sollte auf Spuren einer solchen Straftat untersucht werden. Dazu wären die beiden Krankenhäuser in der Lage gewesen. Weil aber anscheinend befürchtet (oder aus gutem Grund angenommen) wurde, die Frau wolle über die Untersuchung hinaus „vorsorglich“ eine Abtreibungspille verabreicht bekommen, weigerte man sich. Ein Missverständnis, sagt man von Seiten des Krankenhausbetreibers jetzt. Das klingt plausibel. Jedenfalls handelt es sich offensichtlich nicht um etwas, was das Skandalisierungsgeschrei rechtfertigt, das aus einer möglicherweise Vergewaltigten eine Vergewaltigte macht, aus einer unterlassenen Untersuchung eine verweigerte Behandlung und aus chemischer Abtreibung eine „Pille danach“. Dass die katholische Kirche gegen Abtreibungen ist, ist ihr gutes Recht. Inwiefern die Umstände seiner Zeugung das Recht eines Menschen, nicht umgebracht zu werden, einschränken können sollen, kann auch ich nicht verstehen. Wenn es unmenschlich ist, ein ungeborenes Kind „vorsorglicherweise“ zu töten, weil sein Erzeuger möglicherweise (was eigentlich erst ein Gericht zu klären hätte) ein Straftäter ist, dann bin ich gerne auf der Seite der „Unmenschlichen“.