Donnerstag, 28. Februar 2013

Katholizismus und „Reformen“

Ich habe es schon oft gesagt und sage es heute, am letzten Tag eines Pontifikates, wieder: Die von außen und innen von der römisch-katholischen Kirche geforderten „Reformen“ zielen auf nichts anderes als auf die Zerstörung des Katholizismus als solchen ab. Abschaffung des Zölibats, Frauenordination, noch mehr Mitsprache der Laien, Ermöglichung der Ehescheidung (also Abschaffung der Ehe als Sakrament), Erlaubnis von Abtreibung und Verhütung, von vor- und außerehelichem Geschlechtsverkehr, Lockerung oder Aufhebung der Verbindlichkeit von Lehrsätzen — all das ist im liberalen Protestantismus längst durchgesetzt, doch siehe da: Den Evangelischen laufen (wo sich nicht evangelikal, also antiliberal sind) die Leute in noch größeren Scharen davon als der katholischen Kirche in Europa.
In Deutschland zum Beispiel, wo Katholizismus und Protestantismus in derselben Gesellschaft koexistieren und darum und wegen ihres ungefähr gleich großen Anteils n der Bevölkerung gut zu vergleichen sind, war die Zahl der Austritte evangelischerseits stets höher als bei den Katholiken; selbstverständlich nur bis zum medial geschürten „Missbrauchsskandal“ (dessen wesentliches Skandalon darin besteht, jeden Missbrauchsvorwurf als erwiesenen Missbrauchsfall gelten zu lassen und katholische Kleriker unter Generalverdacht zu stellen).
Wie kann es aber sein, dass die Zahl der Austritte und der Mangel an Gottesdienstbesuchern und in den Gemeinden aktiven Mitgliedern bei den in der EKD zusammengeschlossenen Vereinigungen noch viel höher ist als bei der römisch-katholischen Kirche? Die haben doch alles, was man dem Katholizismus erst als „Reformen“ abverlangt. kein Zölibat, Pastorinnen, viel Laienmitsprache, Ehescheidung und Wiederverheiratung, weitgehenden sexualmoralischen Laxismus, größtmögliche Unverbindlichkeit von Dogmen. Trotzdem ist der deutsche Mehrheitsprotestantismus für die Leute noch unattraktiver als der in der säkularen Öffentlich systematisch diskreditierte Katholizismus.
Die römisch-katholische Kirche, heißt es, sei in der Krise. In Wahrheit wächst sie weltweit und hat übrigens, im Ganzen gesehen, auch keinen Priestermangel. Tatsächlich ist es die Krise des säkular-religionsfeindlichen Europa, die auf den europäischen Katholizismus (mit Ausnahme Polens) projiziert wird. Man will den Katholizismus einfach weghaben, ihn durch einen Protestantismus zweiter Ordnung ersetzen. Damit will man das Christentum insgesamt schwächen und letztlich abschaffen, denn dieselben „Reformen“, die man von der römisch-katholischen Kirche fordert, wären ja prinzipiell den orthodoxen Kirchen und den orientalischen Nationalkirchen auch zu verlangen. Übrig blieben Atheismus und sektiererische Fundamentalismen. Letztere fügen sich viel harmonischer in das spirituelle Marktgeschehen ein und stehen so dem kapitalistischen Konsumismus nicht im Wege.
Man muss die Überzeugungen, die die römisch-katholische Kirche vertritt, nicht teilen, um zu verstehen, was ihre „Reformierung“, also Prostestantisierung und damit faktische Abschaffung, bedeuten müsste. Die letzte Bastion des Widerstandes gegen die menschenverachtende Moderne wäre gestürmt. Danach gäbe es weit und breit nichts mehr, was der vom Verwertungsterror erzeugten Beliebigkeit noch etwas Sinnvolles entgegenzusetzen hätte.
Will sie in einer ihr geleichgültig oder feindlich gegenüberstehenden Welt bestehen, sind an den Zeitgeist anpassende „Reformen“ der falsche Weg für die Kirche. Offensichtlich müsste sie, um an Stärke zu gewinnen, noch viel katholischer werden, nicht Stück für Stück weniger katholisch
Der Katholizismus wächst zwar, aber sein Einfluss schwindet. Echte Katholizität ist unmodern. Nur seine Verhimmelung der Familie und seine Angst vor Homosexualität machen den Katholizismus derzeit noch nützlich für Konservative und Fundamentalisten. Sollte aber die katholische Kirche eines Tages endlich einsehen, dass beides, Familienkult und Schwulenverachtung, nichts mit dem Evangelium zu tun ha, ja diesem widerspricht — Jesus lebte mit Männern zusammen, nicht mit Weib und Kind! —, spitzte die lage sich gewiss zu, ja dann begänne vermutlich die finale Schlacht von Harmagedon: die Heerscharen der „Reform“ gegen die Verteidiger des echten katholischen Glaubens.

Dienstag, 26. Februar 2013

Quer pasticciaccio brutto d’Italia

Porca miseria! Was fällt diesen Italienern bloß ein! Wählen die doch tatsächlich, was sie wollen, und nicht, was die politischen Kommentatoren (und deren Auftraggeber) sich wünschen. Frechheit! So geht das nicht. Da hatte man zuletzt ein so formidables Technokraten-Kabinett, das unbehelligt von Demokratie Tag und Nacht mit „Reformen“ und „Konsolidierung“ — und wie die Nebelkerzen alle heißen — befasst war, und dann, kurz bevor man das Land endlich von Grund auf kaputtgespart hätte, stellt plötzlich so eine Urnengängerei alles wieder in Frage.
Die Märkte sind schockiert, heißt es. Fehlt nicht viel, dass sie sich für ein paar Tage beleidigt ins Bett legen. Lange werden sie sich jedenfalls solche Kränkungen nicht mehr gefallen lassen. Dann werfen sie uns den Bettel vor die Füße: „Macht euren Dreck alleene!“
Drei Cent hat der Euro nach dieser verpatzen Wahl nachgegeben. Das ist für unsereins gar nichts, aber pro Milliarde macht das immerhin 30 Millionen! Das ist mindestens eine Yacht weniger. Na ja, bloß eine kleine, aber immerhin.
Nein, nein, so geht das nicht. Da muss gleich noch mal gewählt werden, diesmal aber richtig. Oder eben so oft, bis es passt. Bis Börsenkurse und Wahlergebnisse zusammenstimmen. Anderswo geht’s doch auch, siehe Zypern.
Diese italienische Aufsässigkeit darf man nicht durchgehen lassen. Von wegen „unregierbar“! Da könnte ja jeder kommen. Wenn die Leute glauben, durch geschicktes Wählen klare und stabile Mehrheiten verhindern zu können, weil keine Regierung immer noch die beste Regierung ist, dann haben sie zwar Recht, aber das kommt überhaupt nicht in Frage. Demokratie soll das Regieren dekorativer machen, nicht sich in Dinge einmischen, die von Fachleuten entschieden werden.
Womöglich muss die EU Deutschland darum bitten, den Fall Achse wieder eintreten zu lassen. Diesmal käme aber nicht die Wehrmacht, sondern ein Sparkommissar. Gut, dass der Papst Rom demnächst verlässt, das erleichtert die Besetzung der „Operationszone Euroland-Süd“ durch deutsche Finanzexperten. Auf dass die Sparanstrengungen nicht gefährdet werden! Auf dass Italiens Schulden auf Heller und Pfennig beglichen werden, ohne dass die Bevölkerung von der Schuldenmacherei etwas hat!
Ha, die werden sich noch umschauen, die Italiener! Denen wird das Wählen schon noch vergehen, wenn sie erst merken, dass sie wählen können, was sie wollen, dass aber die Märkte sich das nicht gefallen lassen. Wäre ja auch noch schöner, wenn die Wirtschaft sich nach demokratischen Entscheidung richten müsste, nicht umgekehrt. Vaffanculo!

Montag, 25. Februar 2013

Aufgeschnappt (in einem Interview)

Frage: Sie sagen, es gebe Wertschätzung für das, was die Bundeswehr tut. Woran liegt es denn, dass die Soldaten das nicht erkennen?
Antwort: Genau kann ich Ihnen das auch nicht sagen. Vielleicht liegt es daran, dass sie auch unangenehme Dinge tun müssen, wie Menschen bedrohen, verletzen oder gar töten, und denken, dass sie deswegen nicht gemocht werden.

Thomas de Maizière, deutscher Bundesminister der Verteidigung, im Gespräch mit Eckart Lohse und Markus Wehner (Frankurter Allgemeine Sonntagszeitung)

Vermischte Meldungen (8)

Bevor in den letzten anderthalb Wochen auf allen Kanälen mit unsäglicher Penetranz darüber berichtet wurde, dass er seine Freundin erschossen habe, hatte ich noch nie etwas von dem Mann gehört. Vermutlich, weil ich Sportnachrichten grundsätzlich ignoriere. Anscheinend hat er Beinprothesen und kann trotzdem sehr schnell laufen. Aha. Er sei der Nationalheld Südafrikas gewesen und jetzt abgestürzt. Aha. Armselige Nation, in der jemand schon deshalb zum Helden wird, weil er sehr schnell laufen kann. Aber auch nichts Besonderes. Anderswo gelten Dudelmusikanten oder Astronauten als Helden; schön doof. In Südafrika, heißt es, gibt es viele Gewaltverbrechen, was angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen kein Wunder sein dürfte. Warum nun über diese eine Erschießung so viel berichtet wird, über all die anderen aber nicht (etwa 50 Morde pro Tag soll die Statistik erfassen), ist mir ein Rätsel. Dessen Lösung mich allerdings nicht wirklich interessiert.

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Hätte ich ein Rangordnung der Dinge, die mich nicht interessieren, schaffte es nach Sport und volkstümlicher Musik auch die Berichterstattung darüber ganz nach oben, wer in einem bestimmten Jahr einen Akademiepreise der US-amerikanischen Filmindustrie erhält. Das geht mir, wie man so schön sagt, regelmäßig am Arsch vorbei. An mir verdient Hollywood seit langem herzlich wenig. Weil ich ihre Filme nie schaue, sagen mir die Namen all der Regisseure nichts, und die Gesichter der Schauspieler scheinen mir meist erstaunlich austauschbar. (Die der Schauspielerinnen sowieso.) Gewisse Ausnahmen machen die Sache nicht besser. Wieso aber, bitte schön, ist es, wie man jetzt lesen kann, eigentlich ein „Erfolg für Österreich“, wenn Waltz und Haneke mit güldenen Statuettchen bedacht werden? Was hat das Land, was haben seine Bewohner damit zu tun? Haben sie alle mit Herrn W. Texte geübt? Mit Herrn H. Drehbücher gewälzt und Finanzierungskonzepte entwickelt? Sonst irgendetwas beigetragen? Die beiden sind (oder waren, was weiß ich) österreichische Staatsbürger. Mehr ist nicht. Dass Preise, die angeblich die Qualität einer Arbeit auszeichnen sollen, „gewonnen“ (und nicht etwa verliehen) werden, ist schon eine merkwürdige Praxis; daraus auch noch ein globales Nationalitätenspektakel zu machen, wäre vollends absurd.

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Das dauernde Gerede über Pferdefleisch in der Lasagne lässt mir das Wasser im Munde zusammenlaufen. Statt aber den Etikettenschwindelskandal zum Anlass zu nehmen, eine neue kulinarische Kultur zu entwickeln, die endlich Hunde, Katzen und eben auch Pferde zum umfassen hätte, phantasiert man offiziellerseits von neuen Kontrollen. Genauere Herkunftsbezeichnungen sollen in der EU freilich gerade von Deutschland verhindert worden sein, wo man sich traditionell mit dem Verzehr von allem, was nicht Rind, Schwein oder Geflügel ist, besonders anstellt. Aber irgendwo mussten die Rumänen mit ihren Gäulen ja hin, nachdem Pferdekarren aus dem Straßenverkehr vertrieben wurden. Hätte man die leckeren Tierchen etwa wegwerfen sollen? Eben. Und richtig etikettiert hätte man das Fleisch nicht so gut an den Verbraucher gebracht. Der hat sich’s ja trotzdem schmecken lassen. Wenn also ein paar rumänische Bauern dran verdient haben, soll mir der Skandal recht sein. Die Lebensmittelindustrie dreht noch ganz andere Dinger, solche, die wenigerer schmackhafte Assoziationen bei mir hervorrufen.

Mittwoch, 13. Februar 2013

Aufgeschnappt (am Aschermittwoch)

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37 000 Menschen verhungern jeden Tag, fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt. Und derselbe Welternährungsreport der Uno, der alljährlich diese Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte.
Schlussfolgerung: Es gibt keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht.
Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Prof. Dr. Jean Ziegler (Soziologe, Politiker, Autor)

Montag, 11. Februar 2013

Gloria olivae

Dieser Rücktritt passt zum Leben und Wirken dieses Mannes, der sich stets durch Bescheidenheit ausgezeichnet hat. Anders als so viele andere Theologen des 20. Jahrhunderts wollte er nie durch Originalität auffallen, sondern immer nur weitergeben und vertiefen, was er als ihm Anvertrautes erkannt hatte, dabei nie über das hinausgehend, was die Kirche immer schon gelehrt hat, aber auch nie dahinter zurückfallend. Er ist also ein Konservativer im besten Sinne, nicht aus Starrsinn oder Unfähigkeit, sondern aus Rücksicht und eben Bescheidenheit. Auch sein heute bekannt gewordener Entschluss, auf das Amt des Papstes zu verzichten, ist ein Akt der Demut, offensichtlich Ergebnis der Abwägung, wie er der Kirche am besten dienen kann: Indem er im Amt verbleibt und damit einen unvorhersehbar langen Weg der Schwächung und des Verfalls öffentlich geht, was gewiss einen geistlichen Sinn haben, aber auch zu unwürdigem Spektakel missbraucht werden kann. Oder indem er durch einen ungewöhnlich Schritt Platz macht für einen Nachfolger, der, wohl jünger und unverbrauchter, der weltweiten Herde der tatkräftige Hirte sein kann, den sie braucht. Die Entscheidung mag überraschend sein, aber sie leuchtet ein und kann durch ihre Konsequenz beeindrucken.
Dies ist, finde ich, nicht die Stunde des Witzchenmachens und zwanghaften Lästerns. Es ist ein kirchenhistorischer und damit welthistorischer Moment, der zum Innehalten und Nachdenken anregen sollte. Denn wie auch immer man zu Theologie und Kirchenpolitik dieses Mannes stehen mag, man wird ihm redlicherweise seine große Bedeutung nicht absprechen können, und es gibt gute Gründe, sein selbstloses Wirken zu würdigen, ja zu bewundern. Er gehört noch zur Generation von leitenden Geistlichen, die unter ganz anderen Voraussetzungen ihren Weg begonnen und dann das Zweite Vatikanische Konzil mitgeprägt hatten, von ihm geprägt wurden und seine Folgen verarbeiten mussten; im Konklave von 2005 war er bereits der einzige Kardinal, den nicht Johannes Paul II. ernannt hatte, aber 67 der 90 von ihm selbst ernannten Kardinäl können an der Wahl seines Nachfolgers teilnehmen; mit dem Ende dieses Pontifkats geht nun also unverkennbar ein Zeitalter der Kirche zu Ende — und eines neues wird beginnen

Sonntag, 10. Februar 2013

Marslöcher

Hallo? Geht’s noch? Sind diese Leute noch ganz dicht? Lassen die doch allen Ernstes ihren bescheuerten Roboter Löcher in den Mars bohren! Ich glaub, es hackt. Sowas macht man einfach nicht. Oder gehört denen der Mars etwa? Also wirklich, man macht doch nicht einfach Löcher in Planeten, die einem nicht gehören. Den Erdlingen wär’s ja auch nicht recht, wenn irgendwelche Außerirdische ihre Roboter losschickten, damit die mir nichts dir nichts die Erde anbohren.
Und wozu das Ganze? Die übliche Begründung: Man will herausfinden, ob es Leben auf dem Mars gibt oder gab.
Drauf geschissen! Denn erstens, wer sagt, dass marsianische Lebewesen überhaupt entdeckt werden wollen. Vielleicht wäre ihnen, wenn sie eine Meinung dazu hätten, die irdische Neugier lästig und zuwider. Wer könnte es ihnen verdenken.
Denn zweitens, was geht die Erdlinge Leben auf fremden Gestirnen an? Sollen sie sich doch erstmal um das Leben auf der Erde kümmern. Dort sterben jeden Tag Tier- und Pflanzenarten aus, täglich verhungern Zehntausende von Menschen, viele Millionen leben im Elend. Wären das nicht Dinge, mit denen sich die Wissenschaftler und ihre Geldgeber befassen, Probleme, für die sie Lösungen finden sollten, statt Milliarden und Abermilliarden (in jeder beliebigen Währung) dafür zu verpulvern, Roboter durch Marsstaub fahren und dämliche Löcher in Marsgestein bohren zu lassen?
Wenn man so verdammt interessiert an Leben und Lebensbedingungen ist, warum hat man dann eigentlich die Erde so entstellt, verschmutzt und verseucht? Und sollte man sich, wenn man deutlich bewiesen hat, dass man mit dem eigenen Lebensraum nicht pfleglich umgehen konnte, nicht wenigstens zurückhalten und andere Planeten in Ruhe lassen? Nun, was soll's die Menschen sind eben, im Ganzen genommen, dumme Arschlöcher. Oder, um es galaktisch zu formulieren: Marslöcher.