Mittwoch, 19. Juni 2013

Frankfurter Rechenkunst

Rechnen müsste man können. Aber daran hapert’s oft in Deutschland, wie ich mir schon anderswo festzustellen erlaubt habe. Nicht einmal bei FAZ-online kommt man anscheinend mit Zahlen gut zurecht. In dem mit „Reich schon mit 3009 netto“ überschriebener Beitrag von Johannes Pennekamp und Manfred Schäfers vom 18. Juni heißt es: „Als Meinungsforscher zuletzt danach fragten, ob die Steuern für die Reichen erhöht werden sollten — so wie von SPD und Grünen gefordert — stimmen drei von vier Befragten zu. Man selbst fühlt sich offenbar nicht betroffen. Diese Vermutung könnte ein Trugschluss sein, legt eine neue Einkommensauswertung des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) nah. Demnach gehörte in Deutschland im Jahr 2010 schon Singles mit einem Nettoeinkommen von 3009 Euro im Monat zu den einkommensstärksten 10 Prozent der Bevölkerung. Ein Paar mit zwei Kindern fiel in das obere Einkommenszehntel, wenn es 6319 Euro netto im Monat zur Verfügung hatte.“
Noch mal nachrechnen. Drei von vier, das macht 75 Prozent. So viele wollen. heißt es, Steuererhöhungen für Reiche. (Wie viele davon sich selbst zu den Reichen zählen, wissen Pennekamp und Schäfers genauso wenig wie ich.) Nicht zu den reichsten zehn Prozent gehören offensichtlich 90 Prozent. Das sind demnach 15 Prozentpunkte mehr als die vorhin errechneten 75 Prozent, die Steuererhöhungen befürworten. Daraus ergibt sich nun rein rechnerisch gerade nicht, wie Pennekamp und Schäfers behaupten, dass einige der Reichen für sich höhere Steuern fordern (und zwar womöglich unwissentlich), sondern umgekehrt, dass bis zu einem Sechstel derer, die nicht zu den „happy few“ der reichsten zehn Prozent gehören, keine Reichensteuer will.
Damit kollabiert die zentrale These der beiden Rechenkünstler. Nicht manche der Reichen verkennen, dass erhöhte Reichenbesteuerung sie betrifft, sondern ein Teil der Nichtreichen will keine solche.
Andererseits mag es ja sein, dass jemand mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 3.009 Euro (bei Paaren 6.319 Euro) sich selbst nicht für reich hält. Tatsächlich gibt es Reichere. aber eben auch Ärmere — und zwar 90 Prozent der Bevölkerung. Fürs persönliche Empfinden kommt es eben ganz darauf an, ob man sich beim Wohlstandsvergleich nach oben orientiert (Sportler, Filmstars, Politiker) oder nach unten (Hartz-IV-Empfänger).
Es mag also sein, dass mancher sich mit dreitausend Euro im Monat eher der „Mittelklasse“ zurechnet als den Reichen. Fakt ist, dass er statistisch zum oberen Zehntel gehört. Wenn jemand sein 3-Mille-Einkommen für relativ wenig hält, sollte sich klar machen, dass die allermeisten viel weniger haben, dass also schon die vermeintliche Mittelklasse gar keine solche ist, sondern eine höchst minoritäre Elite.
Doch davon abgesehen ist Steuerrecht üblicherweise keine Frage der subjektiven Einschätzung. Egal, dem FAZ-Artikel geht es wohl ohnehin bloß darum, Stimmung zu machen. Was, ich soll reich sein!, soll der wohlhabende Leser denken. Ich doch nicht. Reich sind ganz andere, die sollen was abgeben. Bevor mir jemand an mein Wohlverdientes geht, wähl ich lieber Mutti, die sorgt schon dafür, dass zwischen Reich und Arm merkbar unterschieden wird. Diese Rechnung nun freilich, fürchte ich, könnte tatsächlich aufgehen.

Sonntag, 16. Juni 2013

Vermischte Meldungen (10)

Titel einer Sendung des „Presseclubs“ der ARD: „Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse — Passt diese Türkei wirklich zu Europa?“ Gute Frage! Schon deshalb, weil sie die Antwort so leicht macht: Diese Türkei passt natürlich nicht mehr zu Europa, weil in Europa Wasserwerfer, Tränengas und Gummigeschosse niemals zum Einsatz kommen. Jene andere Türkei — Döner, Kopftuch und Antalya all inclusive — hatte hingegen noch sehr gut zu Europa gepasst, weshalb ja bekanntlich auch bis vor kurzem alle für einen raschen EU-Beitritt der Türkei waren.

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Noch ein Sendungstitel, diesmal von „Günther Jauch“: „Gemeinsam für die Flutopfer — ganz Deutschland hilft“. Ach wie schön. Patriotisches Pathos. Das Allerselbstverständlichste, dass nämlich Menschen einander in einer Notsituation helfen, wird in Deutschland zur überraschenden nationalen Leistung stilisiert. Das mag seinen Grund darin haben, dass es in Wahrheit um gesellschaftliche Solidarität schlecht bestellt ist. So berichtet das „Neue Deutschland“: „In den vom Hochwasser betroffenen Gebieten stehen Tausende vor dem Nichts. Oftmals ist die gesamte Wohnungseinrichtung hinüber. Da die Versicherungen oft nicht zahlen, wurden staatliche Nothilfeprogramme aufgelegt. Zudem spendeten zahlreiche Bundesbürger Geld oder Haushaltsgegenstände. Doch für Hartz-IV-Bezieher kann die Annahme dieser Hilfen fatale Folgen haben. Die Betroffenen riskieren, dass man ihnen die Hilfe auf die Hartz-IV-Leistungen anrechnet.“ Erst lässt man also Privatleute großherzig spenden und verspricht in laufende Kameras unbürokratische Hilfe. Und dann zieht man das Gespendete und Zugewendete vom Gnadenbrot wieder ab. So funktioniert der deutsche Sozialstaat. Die Jauch-Sendung ist übrigens eine Spendengala.

Montag, 10. Juni 2013

Offenes an die Verdeckten

Hallo National Securtity Agency (NSA) und all Ihr anderen Überwachungsbehörden in Übersee und sonstwo! Heute will ich es Euch einmal ganz einfach machen. Oder fast ganz einfach, denn übersetzen müsst Ihr Euch diesen Text schon selbst. Aber ansonsten möchte ich Euch etwas Arbeit ersparen und erkläre darum in aller Öffentlichkeit: Ich bin kein Mitglied einer terroristischen Vereinigung, war nie eines und habe eigentlich auch nicht vor, eines zu werden. Ich gebe zu, dass wundert mich zuweilen selbst. So, wie es in der Welt zugeht, muss man schon eine Menge Indolenz aufbringen, um nicht zum bewaffneten Kampf gegen das System, dessen Teil Ihr seid, übergehen zu wollen. Mir sagt freilich mein Verstand, dass Gewalt keine Lösung ist, sondern die Probleme nur verschiebt. Ich bin aber nicht nur überzeugter Pazifist, sondern auch ein konstitutioneller: Ich kann nicht anders. Nur einmal im Leben habe ich mich geprügelt, ich habe eine fundamentale Abneigung gegen Schusswaffen und außerdem eine hartnäckige Aversion gegen Lärm, dessen Erzeugung ja aber bei Schusswechseln, Bombenwürfen und Selbstmordattentaten wohl unvermeidlich ist. Ich komme also als Terrorist gar nicht in Frage. Aber bitte, fühlt Euch nicht zu sicher. Nicht jeder Amoklauf ist von langer Hand geplant und im Untergrund verschwindet manch einer schneller als ihr bis 911 zählen könnt. Andererseits, was kann ein kleiner, dicker, brillentragender Intellektueller wie ich schon viel anstellen? Fürchtet Euch lieber vor den Durchtrainierten mit den flachen Stirnen. So, ich hoffe, ich habe Euch genug Schlüsselwörter übermittelt, um Eure Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen. Über meine politischen Ansichten und sexuellen Vorlieben wisst Ihr ja dank Google, Facebook e tutti quanti ohnedies längst schon Bescheid. Und wenn Ihr die Leserbriefe und Kommentare zu meinen Artikeln und Postings ausgewertet habt, wisst Ihr auch nur zu gut, dass mich keiner ernst nimmt. Es gibt also keinen Grund, mich besonders im Auge zu behalten. Sollte sich daran doch noch etwas ändern, informiere ich Euch auf dem gewohnten Wege — als private Mitteilung an Dritte, von Euch widerrechtlich mitgelesen. Herzliche Grüße! Wenn Ihr mich auch grüßen lassen wollt, soll der nächste Beamte, der meinen Ausweis kontrolliert, zweimal blinzeln, während er sich am Ohrläppchen zupft.

Samstag, 8. Juni 2013

Gottkritisch

Im Zusammenhang mit dem läppischen Kebekus-Video, dessen Austrahlung selbst dem Westdeutschen Rundfunk zu blöd war (der doch sonst mit der Ausrede, es sei Satire, viel Niveauloses sendet), hat das Internetportal „Perlentaucher“ den Ausdruck „gottkritisch“ verwendet. Ich weiß nicht, wer sich dieses Wort ausgedacht hat, aber es hat das Zeug dazu, zu den dümmsten Wörtern der deutschen Sprache gezählt zu werden.
„Gottkritisch“, was soll das denn heißen? Ich verstände es ja, ohne zuzustimmen, wenn man das pseudolustige Filmchen als kirchenkritisch oder religionskritisch bezeichnete. Es ist das zwar nicht, sondern eine mit populärem Gedudel aufgemotzte Aneinanderreihung von Klischees aus der antiklerikalen Mottenkiste, aber hier hätte ein falscher Begriff immerhin für sich genommen noch einen Inhalt.
Das Wort „gottkritisch“ hat den nicht. Wie auch? Wenn man der Meinung ist, Gott existiere nicht, gibt es auch nichts an Gott zu kritisieren. (Allenfalls an Vorstellungen von Gott, aber dann müsste es ja „gottesbildkritisch“ heißen.) Oder aber man glaubt an Gott, dann gibt es erst recht nichts zu kritisieren, denn seit wann hätte Gott sich gegenüber Gläubigen zu verantworten statt umgekehrt?
Kurzum, „gottkritisch“ ist eine Vokabel für ignorante und selbstgefällige Atheisten, die meinen, ihren sehr beschränkten Intellekt und ihre ethische Verkommenheit zum Maßstab nehmen zu dürfen für alles und jedes, einschließlich jenes Wesens, dessen für so viele andere offenbares Dasein zwanghaft abzulehnen ihnen großes Vergnügen bereitet.
Das Wort ist so dumm, dass ihm wohl noch eine große Karriere bevorsteht. Es verkörpert perfekt den Zeitgeist, der Kritik und Ressentiment nicht unterscheiden kann, und für Aufgeklärtheit hält, was bloß das gerade herrschende Vorurteil ist. Wer etwas (oder gar sich selbst) „gottkritisch“ nennt, kann nichts falsch machen, er signalisiert, dass ihm sein kontingentes Ego über alles geht und klinkt sich damit ein in die systemstabilisierende Arroganz, die alles verachtet, was sich der konsumistischen Konformität entzieht. Wie zum Beispiel die Ehrfurcht vor Heiligem.

Donnerstag, 6. Juni 2013

Homoehegattensplittingurteil

Nicht nur, dass die „Homo-Ehe“ (in welcher Ausformung auch immer) ein gesellschaftspolitisch durch und durch reaktionäres Projekt ist, nein, sie ist unverkennbar auch Ausdruck bourgeoisen Profitstrebens. Ein solches geht selbstverständlich auf jemandes Kosten. So zum Beispiel beim „Ehegattensplitting“, einem ungerechten Detail des deutschen Einkommenssteuerrechts, das Eheleute — und, nach einem jüngst ergangen Urteil des Bundesverfassungsgerichts, auch eingetragene Lebenspartner — begünstigt. Warum aber sollen eigentlich Unverheiratete prinzipiell mehr Steuern zahlen als Verheiratete und Verpartnerte? Da bereichern sich die Falschen!
Fälschlicherweise halten viele Schwule (und Lesben?) oder zumindest deren medial vermerkbare Vertreter das genannte höchstgerichtliche Urteil zur Gleichstellung von Ehe und Eingetragener Lebenspartnerschaft für einen begrüßenswerten Fortschritt. Das ist nicht der Fall. Es gibt eigentlich nur dann Grund zum Jubeln, wenn man am Homoegehegattensplittung verdient. Oder nicht durchschaut, dass man selbst dabei draufzahlt …
Was die meisten Schwulen (und Lesben) nämlich in Wahrheit tun. Hier ein paar Zahlen. In Deutschland gibt es bei einer Einwohnerzahl von 80,2 Mio. etwa 36 Mio. Verheiratete, aber nur 68.000 Verpartnerte. Zieht man ein Fünftel der Bevölkerung für die Unter-20-Jährigen ab, machen die Eheleute etwa 56 Prozent der erwachsenen Bevölkerung aus, Verpartnerte hingegen nur etwa ein (gerundetes) Tausendstel. Nun kann man den Anteil der (wie auch immer zu definierenden) Schwulen und Lesben veranschlagen, wie hoch man möchte: Sagt man: ein Prozent, dann machen die Verpartnerten ein Zehntel aus; sagt man drei Prozent, fünf Prozent oder noch mehr, sind es entsprechend noch sehr viel weniger.
Die Verpartnerten bilden also nicht nur in der Gesamtgesellschaft eine nahezu verschwindende Minderheit, sondern auch unter den Schwulen und Lesben (wobei Frauen noch seltener eingetragen-verpartnert sind als Männer) sind sie eine sehr überschaubare, nämlich deutlich minoritäre Gruppe.
Was nun die Steuerausfälle betrifft, die durch das Homoehegattensplittung auf den Staat zukommen, so sind diese angesichts von bloß 34.000 Eingetragenen Lebenspartnerschaften völlig unbedeutend. Da kann man sich seitens der Finanbehörden also schon mal großzügig zeigen. Ums Geld ging’s ja auch nie. Vielmehr war der unmutige Widerstand der „Konservativen“ gegen die Ausdehnung des Splittings von Verheirateten auch auf Verpartnerte rein symbolisch, er bediente einfach ein paar Ressentiments. Das war als typische Muttipolitik nicht ungeschickt gemacht. Denn indem man sich vom Verfasungsgericht zwingen lässt, das umzusetzen, was ohnehin die meisten für recht und billig halten, kann man die Erwartungen sowohl der dumpfkonservativen Unaufgeschlossenen wie auch der scheinliberal Bereitwilligen befriedigen. Und über das grundsätzliche Unrecht, verheiratete (und eben auch registrierte) Paare gegenüber unregistrierten Paaren und Alleinstehenden zu bevorzugen, muss dann weiterhin nicht geredet werden.
Das sollte es aber. Besonders, wenn es um Schwule und Lesben geht. Denn ist es schon ungerecht, dass die Unverheirateten statistisch gesehen die Verheirateten finanzieren — weil diese einen geringeren Einkommensanteil abführen müssen als jene —, so geht es, betrachtet man nur die, für die das Institut der Eingetragenen Lebenspartnerschaft geschaffen wurde, also die homosexuellen Männer und Frauen, offensichtlich noch zigmal ungerechter zu. Man rechne nach: Mindestens 90 Prozent der erwachsenen Schwulen und Lesben profitieren nicht vom Homoehegattensplitting!
Wer nun über solche „Gleichstellung“ jubelt, hat nichts kapiert. Oder kann nicht rechnen. Oder beides. Unter dem Deckmantel der „Gleichberechtigung“ wird Unrecht zu Recht erklärt und werden Privilegien „ausgedehnt“. Aber dazu ist der Staat ja da: Dafür zu sorgen, dass die Reichen reich bleiben und noch reicher werden und dass die Übrigen das Ganze bezahlen.

Sonntag, 2. Juni 2013

Deutschlands Verzählungen

Ene mene mink mank pink pank,
ene mene acke backe eia peia weg.
(Berliner Abzählreim)

Deutsche pflegen sich als Nationaleigenschaften gern Ordnungssinn, Sauberkeit und Gründlichkeit beizulegen. Mag ja alles sein (ich hab’ da auch andere Erfahrungen), aber mit dem Rechnen hapert’s offensichtlich. Nein, ich will nicht auf die PISA-Studie hinaus, nicht auf die Kosten der Elbphilharmonie oder des Stuttgarter Hauptbahnhofs und auch nicht auf den Eröffnungstermin des Flughafens „Willy Brandt“. Ich will in der jüngsten Wunde bohren.
Zeit für ein Schiller-Zitat:  „Er zählt die Häupter seiner Lieben. Und sieh! es fehlt kein teures Haupt!“ Doch der Dichter irrt. Zumindest wenn „er“ der deutsche Staat ist und die Häupterzählung der Mikrozensus 2011. Dann fehlt da nämlich, gegenüber den vorausgegangen Schätzungen, sehr wohl so manches Haupt, ob es einem nun teuer ist oder nicht.
Nun gut, so richtig dramatisch ist eine Differenz von nicht einmal zwei Prozent eigentlich nicht. 80,2 statt 81,7 Millionen Einwohner. Kein Grund von Schrumpfung zu konfabulieren. Zum Vergleich: In den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten Ost- und Westdeutschland zusammen zehn Millionen weniger Einwohner — und wirkten nicht gerade entvölkert; das kleindeutsche Reich (also heutige BRD plus Pommern, Schlesien, Ost- und Westpreußen) hatte nur 40 bis 65 Millionen Einwohner; und selbst das „großdeutsche“ Reich (inklusive Österreich und „Sudentenland“) schaffte 1939 (also vor dem Auswanderungsstopp und der Eroberung weiterer Gebiete) gerade mal 79,4 Millionen.
Zu wenig Deutsche gibt es also nicht. (Und mancher meint, zu wenige könne es gar nicht geben. Ich kommentiere das hier nicht.) Zumal der Mikronzensus die offizielle Schätzung vor allem bei den nichtdeutschen Staatsbürgern korrigierte: statt 7,3 Millionen gibt es wohl nur 6,2 Millionen davon in Deutschland. Von der Differenz zwischen Schätzung und Mikrozensus entfallen also fast drei Viertel auf Ausländer. Weniger Deutsche? Leider nein. (Vielleicht sind die fehlenden 400.000 Deutschen gerade alle auf Malle. Oder sie studieren Medizin in Österreich.)
Besonders verschätzt hat man sich übrigens ausgerechnet in Berlin. Die sich selbst gern als „pulsierende Metropole“ bezeichnende Stadt kommt nach dem Mikrozensus bloß auf 3.326.002 Einwohner statt auf die zuvor angenommenen dreieinhalb Millionen oder noch mehr. Über fünf Prozent Differenz! Da stehen jetzt wohl Rückzahlungen beim Länderfinanzausgleich an … Ob bewusst geschummelt wurde oder man sich einfach überschätzt hatte, ist schwer zu sagen.
Bemerkenswert ist jedenfalls, dass die neue amtliche Einwohnerzahl Berlins (Stichtag 9. Mai 2011) sogar unter der Schätzung für das Jahr 2001 liegt, um immerhin über 160.000. Berlin wäre also geschrumpft (um fast zwei Prozent). Allerdings hätte Berlin selbst dann, wenn man nicht die Mikrozensuszahl, sondern die Phantasiezahl 3.501.872 der Stadtregierung zu Grunde legt, seit 2001 nur ein Wachstum von 3,35 Prozent geschafft. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum wuchs Wien — das man schwerlich „pulsierend“ nennen wird — von 1.550.123 Einwohnern auf 1.726.255, also um beachtliche 11,36 Prozent.
Aber was soll’s. Auf die Größe (oder das Wachstum) kommt’s nicht an. Bagdad hat 5,4 Millionen Einwohner, gilt aber (dem Quality of Life Ranking der Firma Mercer 2012 zu Folge) als die am wenigstens lebenswerte Metropole der Welt. Berlin erreicht immerhin Rang 16. Und Wien übrigens Platz eins.