Samstag, 31. August 2013

Lasst mich doch mit Sotschi in Ruhe!

Aber ja doch, es stimmt, in der Russländischen Föderation liegt einiges im Argen. Die politischen, ökonomischen, kulturellen und nicht zuletzt ökologischen und sozialen Probleme sind vielfältig und erschreckend. Das herrschende „System Putin“ ist dabei keine Lösung, sondern selbst ein Problem. Demokratie und Justiz sind ein schlechter Witz, Opposition und freie Medien werden drangsaliert und marginalisiert und regierungsunabhängige Vereinigungen werden als ausländische Agenten diffamiert. Von der rücksichtslosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen abgesehen ist die Wirtschaft ineffizient und, wie Staat und Kulturbetrieb, geradezu sprichwörtlich korrupt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetherrschaft beruht das nationale Selbstverständnis nur noch auf der schieren Größe des Landes, auf dem immer noch monströsen, wenn auch miserabel verwalteten militärischen Potenzial und auf einer unappetitlichen Verharmlosung von Stalinismus und Breschnewismus. Die Kluft zwischen Reichen und Superreichen einerseits und schierem Elend wächst ständig. Für die enormen Umweltzerstörungen, die stattgefunden haben und immer noch stattfinden, fehlt das Problembewusstsein, geschweige denn ein Lösungsansatz. Kurzum, Russland ist ein ziemlich kaputtes Land und die Mehrheit seiner Bevölkerung kann einem leid tun.
Und dann auch noch das Gesetz gegen „Homo-Propaganda“, demzufolge es verboten ist, in Anwesenheit von Kindern und Jugendlichen positiv wertend über „nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“, de facto also Homosexualität, zu sprechen. Da die Anwesenheit Minderjähriger in der Öffentlichkeit immer als gegeben vorausgesetzt wird, macht das Gesetz jede Artikulation schwulen oder lesbischen Selbstbewusstseins, jede Aufklärungsarbeit und in der Folge jede Organisation zu Beförderung von Aufklärung und Selbstbewusstsein unmöglich.
Dieses Gesetz und die breite Zustimmung, die es in der Öffentlichkeit zu erfahren scheint, sind eine üble, eine sehr üble Sache. Aber ich kann nicht erkennen, warum es eigentlich eine üblere Sache ist als zum Beispiel das hochgefährliche Verrotten des Atomwaffenarsenals oder die Austrocknung und Vergiftung des Aralsees, die alltägliche Polizeibrutalität oder der grassierende Alkoholismus, die Unterfinanzierung des Gesundheitssystems oder das erbärmliche Niveau der Löhne und Renten.
Und doch scheint das „Anti-Homo-Progaganda-Gesetz“ die Gemüter in der westlichen Welt weit mehr zu berühren als irgendein anderer Missstand in Russland.
Das Gesetz war noch nicht beschlossen, da wurden schon Rufe laut, wenn Putins Russland den Homosexuellen so etwas antue, dann müsse eben Putins Russland boykottiert werden. Das symbolische Wegschütten von Wodka, wie es in amerikanischen (und Berliner und Schweizer) Schwulenbars praktiziert wurde, war nur ein erster Schritt — in oft die falsche Richtung, weil eine der im Westen beliebtesten „russischen“ Wodka-Sorten von einer niederländischen Firma in Lettland produziert wird.
Zweiter Schritt war die Idee, die Olympischen Winterspiele, die im Februar 2014 in Sotschi am Schwarzen Meer stattfinden werden, müssten boykottiert werden. Eine großartige Idee, finde ich, wenn man sie richtig begründet. Mit der mörderischen russischen Kaukasuspolitik zum Beispiel oder all dem, was ich oben an russischen Miseren skizziert habe: Demokratische und rechtsstaatliche Defizite, ökologischer Irrsinn, soziale Kluft usw. usf. Es nur und ausschließlich mit Russlands Umgang mit Homosexualität zu begründen, scheint mir hingegen reichlich beschränkt.
„Mich stört dieser entsetzliche Narzissmus der Schwestern“, hat jemand das einmal formuliert (und ich habe es hier zitiert). In anderem Zusammenhang, aber aus meiner Sicht auch hier anwendbar. Es ist ja durchaus erfreulich, dass sich unter den westlichen Schwulen (und …) ein vielstimmiger und vielgestaltiger Protest gegen Wladimir Wladimorowitsch Putins Politik abzeichnet, aber warum erst und nur bei diesem einen Thema? So lange es die anderen sind, die man nicht zur eigenen „community“ rechnet, die kritischen Journalisten, die Rentner, die rechten und linken Oppositionspolitiker, die Umwelt- und Menschenrechtsgruppen, so lange es nicht ausdrücklich um Homosexuelles geht, sondern lediglich um allgemeine Probleme, so lange interessiert man sich nicht für Putins Politik. Oder tut man es in anderen Zusammenhängen, wo dann wiederum Homosexualität kein Thema ist? Als „LGBTIQ“ hingegen politisiert man sich anscheinend erst, wenn das eigene Selbstverständnis betroffen ist.
Auch das ist im Grunde Homonationalismus. So lange nämlich ein Staat, eine Gesellschaft sich „homofreundlich“ gibt, also die Existenz einer von den Heterosexuellen zu unterscheidenden Gruppe von Homosexuellen nicht leugnet oder bekämpft, so lange einschlägiger Kommerz und Konsum, Regenbogen- und Paradefolklore ungestört funktionieren, so lange erhebt man seitens der Lesbenundschwulen keinen grundlegenden Einwand gegen das System. Im Gegenteil, wo man geduldet und wo gefeiert wird, dort sieht man gern über sozusagen „sachfremde“ Missstände hinweg und gliedert sich willig in die große bunte Spaß- und Profitmaschine ein, deren Beruhen auf Ausbeutung und Unterdrückung man geflissentlich ignoriert. Sind Antidiskriminierungsvorschriften und bitte, bitte auch die „Homo-Ehe“ erst einmal in Aussicht gestellt oder gar verwirklicht, sind gesellschaftskritische Ansätze von offiziell organisierten Lesbenundschwulen nicht mehr zu erwarten.
Kurz gesagt, was eine brave LBGTIQ-Community ist, das will in die bestehenden Verhältnisse integriert, also Teil des jeweiligen nationalen Projektes sein, das heißt aber eben: Teil der herrschenden, also schlechten Verhältnisse. Einziges Kriterium ist die dabei anscheinend eigene Konsumfreiheit. Ist die gegeben, sieht man großzügig über jeden sonstigen Missstand, jedes sonstige Unrecht hinweg. Mehr noch, indem man die „Freiheit“ und „Toleranz“ der eigenen Nation feiert, unterstützt man in Wahrheit deren Verbrechen.
So scheinen z.B. in den USA diejenigen queers, die eine ausdrücklich kritische Haltung zum kapitalistisch-imperialistischen System einnehmen, eine verschwindende Minderheit zu sein; aber nicht zufällig sind diese in der Regel dann auch gegen die Homo-Ehe, gegen den Dienst in den Streitkräften, das Gefängnisunwesen usw. usf.
Ein (übrigens durchaus denkbarer) russischer Homonationalismus spielt derzeit hingegen keine Rolle. Vielmehr projizieren die westlichen Homonationalismen ihre konformistischen Konzepte auf Russland als deren Gegenbild. Als ob in den USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich usw. alles so zum Besten stünde, dass in diesen Horten der Freiheit Winter- oder Sommerspiele jederzeit stattfinden dürften, während man den zurückgebliebenen Russen erst einmal einbläuen muss, wo Gott wohnt.
So hat etwa der britische Schauspieler und Schriftsteller Stephen Fry an Premierminister David Cameron (und das Internationale Olympische Komitee) einen Offenen Brief geschrieben, in dem er die Olympischen Spiele von 1936 erinnert und ausdrücklich die nationalsozialistische Judenverfolgung mit dem Umgang des Putin-Staates mit Homosexuellen parallelisiert. Nun, nichts ist zu dumm und lächerlich, um nicht von irgendeinem Wichtigtuer als Argument vorgebracht zu werden. Fry dekretiert: „An absolute ban on the Russian Winter Olympics of 2014 on Sochi is simply essential.“ Es wäre ihm ausdrücklich lieber, die Spiele fänden z.B. in den USA statt. Anscheind sind Obamas Drohnenkriege im Unterschied zu Putins Antihomopolitik nicht disqualifizierend. „(Putin) is making scapegoats of gay people, just as Hitler did Jews.“ Und um sein Expertentum zu belegen, hält Fry fest, dass er schon mal in Russland war, schwul und und Jude ist. Wer kann ihm da noch widersprechen? Vielleicht jemand, der weder den britischen Regierungschef — „a man for whom I have the utmost respect“ [sic!] — noch das IOC für moralische Instanzen hält.
Um es ganz klar zu sagen: Die Olympischen Spiele sind ein rein kommerzielles Spektakel, das unter der Fassade von Buntheit und Völkerfreundschaft von den wirklichen Problemen dieser Welt ablenken soll. Als wäre es nicht völlig egal, ob irgendein chemisch präparierter Bioroboter („Athlet“) höher, schneller, weiter rennt, hüpft oder rodelt, während Millionen Mitmenschen im Elend vegetieren, verhungern, an heilbaren Krankheiten krepieren oder als Opfer von Kriegen. Und kein einziger der westlichen Regierungschefs, die doch allesamt Exekutoren dieser himmelschreiend ungerechten Weltordnung sind, kann als moralisches Gegengewicht zu Putin angesehen werden. Der Kriegstreiber Cameron schon mal gar nicht. (Dass und wofür Fry ihn lobt — „you showed a determined, passionate and clearly honest commitment to LGBT rights and helped push gay marriage through both houses of our parliament in the teeth of vehement opposition from so many of your own side. For that I will always admire you“ — ist ein Musterbeispiel narzissistischer Realitätsausblendung und eine gute Grundlage für Homonationalismus.)
Dass ich westlichen Politikern (und ihren devoten Bewunderern à la Fry) das Recht abspreche, Putin, mit dem sie ansonsten prima Geschäfte machen, wegen seiner schwulenfeindlichen Politik zu kritisieren, heißt selbstverständlich nicht, dass keine Kritik erlaubt und möglich ist. Aber man sollte sich an das halten, was wirklich stattfindet.
Die derzeitige Politik der Russländischen Föderation ist das Gegenstück zur derzeitigen Politik im Staat Israel. Gleichsam „Pinksmearing“ statt „Pinkwashing“. Während man nämlich für Israel damit wirbt, dass Tel Aviv ein ganz tolles schwules Nachtleben hat, und damit von Besatzung und Siedlungsbau, Alltagsrassismus und sozialem Verfall, Staatsterror und Völkerrechtsbruch abzulenken versucht, macht man in Russland einen auf dicke Hose, indem man westlichen Standards trotzt und der neumodischer Liberalität im Umgang mit Homosexuellen die gute alte Autorität repressiver Moral entgegensetzt. In beiden Fällen sind die Schwulen und Lesben dem Staat eigentlich völlig wurscht. Eine winzige Minderheit ohne reale Macht, aber mit hohem symbolischen Potenzial. Das kann man für sich verwenden. Während man in Israel jedoch die eigene Homofreundlichkeit vor allem fürs Ausland herausstreicht (und Umfragen zufolge etwa 46 Prozent der israelischen Bevölkerung Homosexuelle für pervers halten), brüskiert man in Russland hemmungslos das Ausland und punktet lieber im Inland (wo Umfragen zufolge 38 Prozent Homosexualität für moralisch verwerflich und weitere 36 Prozent für eine psychische Krankheit halten; 39 Prozent sollen dafür sein, Homosexuelle auch ohne gegen der Willen zu „therapieren“ oder von der Gesellschaft zu isolieren und vier Prozent möchten sie gerne „liquidieren“). Keineswegs geht es in Russland also primär um „staatlich verordnete Homophobie“, vielmehr wird eine gesellschaftlich bereits vorhandene Homosexualitätsfeindschaft vom Regime populistisch genutzt.
Das ist übel. Dagegen kann und soll man etwas tun. Aber man sollte die Homosexualitätsfeindschaft nicht zum isolierten Thema machen. Es gilt, intersektionell zu denken. „Homophobie“ ist nur eine weitverbreitete kritikwürdige Einstellung, eine andere ist zum Beispiel Rassismus. Tagtäglich wird Jagd auf „Schwarzärsche“ (Menschen aus dem Kaukasus) gemacht, und mit asiatischer oder afrikanischer Herkunft muss man in Russland jederzeit sehr auf der Hut sein. Sollen Lesbenundschwule sich sagen: Was geht uns das an? Das ist schließlich kein LGBTIQ-spezifisches Problem. Wer so denkt, zeigt, dass die herrschende Homopolitik eine der weißen, bürgerlichen Konformisten ist. Und das ist sie ja wohl tatsächlich …
Wer sich über Putins Gesetz gegen „Homopropaganda“ empört und einen Boykott von Sotschi 2014 fordert, muss sich fragen lassen: Wärst Du auch noch für den Boykott, wenn das Gesetz aufgehoben würde? Wäre dann aus Deiner Sicht alles in Ordnung? Der Rest interessiert Dich nicht?
Ich meinerseits bin für einen Boykott: Aber aus den richtigen Gründen! Weil Olympische Spiele, wo immer sie stattfinden, widerlich sind. Weil Russland ein autoritär geführter, seine schwerwiegenden sozialen, ökologischen Probleme nicht einmal eingestehender, geschweige denn angehender Staat ist. Ich bin aber nicht für einen Boykott wegen des Gesetzes gegen „Homopropaganda“; das sind übrigens die organisierten russischen Schwulen (und …) auch nicht: Weil sie wohl zu Recht vermuten, dass Boykottaufrufe des Auslands ihre Situation in Russland verschlimmern. (Siehe hier.)
Darum schließe ich mich dem unter Schwulen (und …) grassierenden Protest nicht an. Und schon gar nicht, wenn ausgerechnet Sportler und Sportfunktionäre dabei zu (potenziellen) moralischen Vorbildern stilisiert werden. Dieses Getue anlässlich der Leichtathletikweltmeisterschaften in Moskau um lackierte Fingernägel und einen „lesbischen“ Kuss, der dann doch keiner war, sollte allen eine Lehre sein. Menschen, deren Lebensinhalt darin besteht, völlig sinnlose körperliche Höchstleistungen zu vollbringen, sind schwerlich geeignete Ansprechpartner für ethische und politische Themen. Ich bedaure sie, die nichts Besseres zu tun haben, und ich verabscheue die, die ihnen zujubeln und sie für „Helden“ halten. Wie hirnlos muss man sein, um jemanden dafür zu feiern, dass er seinen Körper ruiniert hat, um irgendeine belanglose Tätigkeit ein paar Hundertstelsekunden schneller als ein anderer auszuüben?
Ich boykottiere seit 47 Jahren jede Form von Sport. Ich werde also auch Sotschi 2014 boykottieren, das versteht sich von selbst. Ich werde es ausdrücklich auch deshalb tun, weil jener Ort, dessen ursprüngliche Bewohner (Sadsen, Ubychen, Schapsugen) im 19. Jahrhundert von Russen massakriert, vertrieben oder assimiliert wurden, durch die Zurüstung für die Winterspiele massiver Umweltzerstörung ausgesetzt ist. Aber ich werde nicht in das selbstgerechte Geheul jener einstimmen, die die Russländische Föderation wegen ihrer Homofeindlichkeit anklagen, aber in Ländern, die außerhalb der Touristengebiete nicht weniger schwulenfeindlich sind als Russland, gerne Urlaub machen. Oder jener, die Putin (zu Recht!) für einen autoritären Pseudodemokraten halten, aber den Machthabern des Westens dankbar zu Füßen liegen, wenn sie bloß ein paar warme Worte für ihre lieben, braven Schwuchteln finden.
Keinen Fußbreit dem Homonationalismus! Keinen Homo-Boykott gegen Sotschi! Nieder mit dem Leistungssport!
Aber auf mich wird ja wieder keiner hören …

Mittwoch, 21. August 2013

Augeschnappt (beim „Allherrn“)

Ich habe jedermann wie seinesgleichen geschaffen / und nicht befohlen, daß sie Unrecht tun. / Es ist (nur) ihr Wille, der meinem Wort zuwiderhandelt.


Altägypitscher Sargtext (Altägyptische Dichtung, ausgewählt,
übersetzt und erläutert von Erik Hornung, Stuttgart 1996, S. 117)

Samstag, 17. August 2013

Nessuno capisce il mio dramma

„Sono gay, tutti mi prendono in giro.“ (Ich bin schwul, alle verspotten mich.) Und: „Sono omosessuale, nessuno capisce il mio dramma e non so come farlo accettare alla mia famiglia.“ (Ich bin homosexuell, niemand versteht, was ich durchmache, und ich weiß nicht, wie ich es meiner Familie beibringen soll.) Das waren in der Nacht vom 8. auf den 9. August die letzten Notizen eines vierzehnjährigen Jungen in Rom. Dann fügte er sich Schnittwunden an Armen und in der Leistengegend zu, stieg um zwei Uhr nachts auf die Dachterrasse seines Wohnhauses und stützte sich von dort auf die Straße hinunter zu Tode.
Wer so etwas hört und nicht erschüttert ist, hat kein Herz. Wer so etwas hört und nicht wütend wird, hat keinen Verstand.
Wie allein gelassen muss der Junge gewesen sein, wie schwach sein Selbstbewusstsein, wie übermächtig seine Selbstverachtung, wie verantwortungslos seine Umgebung! Als Erwachsener weiß man — hoffentlich! —, dass die Verzweiflung des Jungen übertrieben war, weil er irrte, als er meinte, niemand verstehe ihn, niemand wolle ihm beistehen, niemand ihn beschützen. Jemand hätte ihm sagen können, dass es viele gibt, denen es geht wie ihm, dass keine Hänselei es wert ist, sich umzubringen, dass das ganze Leben und die Liebe noch auf ihn wartet, dass man auf das Gerede der anderen, so schmerzlich, so demütigend es ist, nichts geben darf, dass man ihnen ihren miesen Triumph nicht gönnen darf und dass es besser ist, ein stolzer Ausgeschlossener zu sein als ein bedauerter Toter.
Niemand hat es ihm gesagt. Niemand war für ihn da. Wir stehen in seiner Schuld. Möge seine arme Seele in Frieden ruhen.

Dass man bei einem solchen Selbstmord mit Trauer und Wut reagiert, ist, wie gesagt, selbstverständlich. Leider scheint es in unserer verkommen Welt auch schon geradezu selbstverständlich zu sein, dass bestimmte Leute sofort die Gelegenheit nutzen wollen, an dem erschreckenden Ereignis ihr abgestandenes ideologisches Süppchen aufzuwärmen. Identitätspolitischer Irrsinn schlägt einmal mehr erbarmungslos zu, denn unvermeidlicherweise hat der tragische Tod eines Vierzehnjährigen, der sich als schwul bezeichnet, auch die Berufslesbenundschwulen auf den Plan gerufen, die es immer schon gewusst haben und die sagen, was sie immer sagen: Der Staat muss her!
„Subito legge“ (ein Gesetz, aber sofort), fordern italienischen Medien zufolge einschlägige Vereinigungen. „Im italienischen Rechtssystem gibt es keinen Schutz vor Hassreden aufgrund der sexuellen Orientierung bzw. geschlechtlichen Identität“, klagt auf Deutsch thinkoutsideyourbox.net. Ja klar, solche Rechtsvorschriften hätten dem ragazzino echt geholfen! Dann wäre die Polizei einfach in die Schule gekommen und hätte alle Mitschüler und Mitschülerinnen verhaftet, die über Homosexuelle witzeln. Man fühlt sich als schwuler Jugendlicher doch erst so richtig akzeptiert, wenn endlich alle anderen im Knast sind.
Selbstverständlich kann und soll man über ein gesetzlich verankertes Diskriminierungsverbot reden, das vor Benachteiligung auf Grund von (manifester oder unterstellter) sexueller Orientierung schützt. Im Berufsleben oder bei der Wohnungssuche zum Beispiel. Hier sind Verbote sinnvoll, weil sie wirksam angewandt werden können. Aber was sollen Gesetze gegen „Hassreden“ anderes bringen außer systematischer Unehrlichkeit und einer Verlagerung der trotzdem stattfindenden Abwertung hinter einen Schirm von verbaler politischer Korrektheit? Wie will man solche Gesetze unter Kindern und Jugendlichen überhaupt durchsetzen? Wie zwischen Eltern und Kindern? Hätte der Vierzehnjährige, statt sich umzubringen, seine Familie und seine Altersgenossen anzeigen sollen?
„L’omofobia può uccidere“ (Homophobie kann töten), heißt es. Gewiss, Homophobie ist eine üble Sache. Aber worin besteht sie eigentlich? Handelt es sich um ein individuelles psychisches Problem oder um soziokulturelle Normen? Ist das eine wie das andere durch Gesetze steuerbar? Oder sind nicht im Gegenteil Gesetze nicht zuletzt Ausdruck einer bestimmten Moralisierungskultur? Wenn in einer Gesellschaft Homosexualität überwiegend abgewertet wird, können Paragraphen daran etwas ändern? Müsste man nicht zu Grunde liegende Einstellungen zu verändern versuchen, statt diese zu belassen, wie sie sind, und bloß darauf zu bauen, ausgerechnet der Staat, dieser Inbegriff von Schlamperei, Korruption und Willkür, werde schon für Recht und Ordnung sorgen?
Wie bequem im Übrigen, dass in Sachen „Homophobie“ die römisch-katholische Kirche immer zur Verfügung steht, nicht nur, aber besonders in Italien. Die Berufslesbenundschwulen hassen den Katholizismus, weil der ihre ideologischen Prämissen nicht teilt. Also ist die Kirche schuld, wenn sich Jugendliche umbringen, weil sie als Schwule verhöhnt werden. Schließlich haben die Pfaffen, das weiß doch jeder, gerade in Italien immer noch das Sagen. Ihre rückständige Sexualmoral behindert die ungehinderte Entfaltung natürlicher Sexualitäten. Tolle Logik. Hat nur nichts mit der Realität zu tun. Denn da die katholische Kirche bekanntlich nicht nur homosexuelle Handlungen ablehnt, sondern jede sexuelle Betätigung vor und außerhalb der Ehe, Selbstbefriedigung einbegriffen, müssten sich im Grunde fast alle unter dem Joch des Glaubens ächzenden Teenager umbringen, wenn ihnen ihre Sünden denn so zu Herzen gingen; blöd nur, dass die Katholiken auch noch gegen Suizid voreingenommen sind. In der wirklichen Welt wird man ja aber, wenn man gegen die kirchlichen Normen des Sexualverhaltens verstößt, von zeitgenössischen Mitjugendlichen in aller Regel nicht gemobbt und von der eigenen Familie für gewöhnlich nicht verstoßen, sondern ganz im Gegenteil eher für normal gehalten. Außerdem dürfte es, wenn bloß der Katholizismus an allem schuld wäre, in protestantisch-atheistisch geprägten Gesellschaften keine Selbstmorde von Jugendlichen geben, die sich als Schwule verfolgt fühlen. Die gibt es aber, siehe USA. Nein, die „Homophobie“ der italienischen Gesellschaft geht nicht von der katholischen Kirche aus, sie findet in dieser bloß ihren Widerhall.
Überhaupt: Von „Homophobie“ zu reden, dreht die Sache so, als ob ein Teil einer Mehrheit eine bestimmte Minderheit missachtete. Dem könne und müsse man durch strafbewehrte Aufklärung beikommen. In Wahrheit ist es freilich so, dass jene „Minderheit“ überhaupt nur existiert, weil es eine Mehrheit gibt, von der sie unterschieden wird. Es würde also völlig genügen, statt von Homophobie von Heterosexualität zu reden. Deren Existenz hängt davon ab, dass Homosexuelles aus der Mehrheit ausgeschlossen und in eine Minderheit ausgelagert wird. Heterosexuelle sind heterosexuell, weil sie nicht homosexuell sind, und sie sind deshalb nicht homosexuell, weil ausschließlich Homosexuelle homosexuell sind.
In einer freien Gesellschaft wäre es egal, welche sexuelle Präferenz jemad hat. In einer unfreien Gesellschaft wird Homosexualität zu Gunsten von Heterosexualität unterdrückt. In einer liberalen Gesellschaft nimmt diese Unterdrückung die Form eines begrifflichen und stilistischen Ghettos für „Homosexuelle“ an.
Statt aber die kulturelle und institutionelle Hegemonie der Heterosexualität zu attackieren, fordern Berufslesbenundschwule also einmal mehr, was sie immer fordern: Sonderschutzbestimmungen für Homosexuelle. Nicht gleiche Rechte für alle wollen sie, sondern Artenschutz für bestimmte Abweichler. Das lenkt wunderbar davon ab, dass die einschlägigen Vereinigungen, deren Vertreter jetzt große Reden schwingen, offensichtlich völlig versagt haben, wenn sie mit ihren Angeboten zu Beratung und Hilfe gerade jene Jugendlichen nicht erreichen, die selbstmordgefährdet sind.
Noch unappetitlicher werden die identitätsterroristischen Machenschaften der Berufslesbenundschwulen, wenn sie vom Thema Homophobie kaltschnäutzig zu ihrem eigentlichen Lieblingsthema ablenken, zur „Homo-Ehe“. Wie absolut unerträglich, nicht wahr, dass im so furchtbar katholischen Italien Schwule immer noch keine Schwulen und Lesben immer noch keine Lesben heiraten dürfen. Das ist nämlich genau das Problem, dass Vierzehnjährige umtreibt, die von ihren Altersgenossen gehänselt und gequält, von ihren Familien nicht unterstützt und womöglich sogar noch weiter heruntergemacht und bedrängt werden. Dass sie als Männer keine Männer und als Frauen keine Frauen heiraten dürfen, ist ganz sicher der Grund, warum Jugendliche sich umbringen.
Wäre es anders, hätte endlich auch Italien seine „Homo-Ehe“, dann würde selbstverständlich niemand mehr als Schwuler beleidigt und ausgegrenzt, sondern die potenziellen Peiniger würden sagen: Toll, das du schwul bist, und weil du, wenn du groß bist, heiraten darfst, sind wir jetzt schon ganz furchtbar nett zu dir und haben dich lieb.
In welchem Paralleluniversum leben die Berufslesbenundschwulen eigentlich, wenn sie im Ernst glauben, die „Homo-Ehe“ sei ein Instrument zur Reduzierung von „Homophobie“? Dass das Gegenteil der Fall ist, kann man in Frankreich sehen. Umgekehrt wird ja wohl eher ein Schuh daraus: Wenn der Anpassungswunsch der Homospießer mit dem Wunsch der Heterospießer, Abweichungen zum Verschwinden zu bringen und alles im Normalitätsterror zu ersticken, zusammenfällt, wird die Verrechtlichung auch nichtheterosexuelle Erwerbs- und Lebensgemeinschaften hoffähig. In einem gesellschaftlichen Klima, in dem die Ausgrenzung von Homosexualität so perfekt scheint, dass sie nur noch Homosexuelle betrifft, ist auch die „Homo-Ehe“ kein Problem mehr. Warum sollen die Homos denn nicht heiraten dürfen, solange sie es endlich nur untereinander tun? Dann haben die Heteros schließlich ihre Ruhe.

Der römische Junge, der sich zu Tode stützte, wurde gepiesackt oder erlebt es zumindest so. Wofür und wie genau, weiß man nicht. Seine Freunde, so heißt es, hätten nichts mitbekommen. Was hätten sie mitbekommen können? Er sei „schwul“, er sei „homosexuell“, sagte er in seinen Aufzeichnungen. (Und übrigens nicht, wie es unter anderem bei queer.de übersetzt wird „ein Homosexueller“.) Was genau meinte er damit? Was genau war es, das die, von denen er sich in die Enge gedrängt fühlte, zum Ansatzpunkt ihres Spotts und Hohns gemacht haben können?
Es gab Zeiten — ich weiß es, ich war dabei —, da konnte man als Vierzehnjähriger, wenn man nicht völlig unvorsichtig war, mehr oder minder ungestört seine inneren und äußeren Erfahrungen machen, ohne Gefühle und Handlungen klassifizieren und sich selbst eine Identität zuschreiben zu müssen. Seither hat sich allerdings viel verändert.
„Macht euer Schwulsein öffentlich!“, war einmal als emanzipatorischer Slogan gedacht, unwürdiges Versteckspielen sollte beendet und die Gesellschaft mit ihrem Verdrängten und Unterdrückten konfrontiert werden. Davon kann längst keine Rede mehr sein. Der Einzelne mag sein coming out als etwas Befreiendes erleben, für die Gesellschaft als Ganzes ist die Existenz von Homosexuellen längst keine Infragestellung mehr. Im Gegenteil. Nachdem es gelungen ist, Homosexualität als das Homosexuellsein der Homosexuellen aus dem Leben der Nichthomosexuellen hinauszudefinieren, besteht geradezu ein gesellschaftspolitischer Bedarf an einer eingrenzbaren „homosexuellen Identität“. Denn die Eingrenzung funktioniert, ob ihre Betreiber das bewusst wollen oder nicht, als Beschränkung.
Sexualwissenschaftliche Studien haben für die letzten Jahrzehnte einen massiven Rückgang gleichgeschlechtlicher erotischer Erfahrungen bei Jugendlichen festgestellt, was sich wohl nur so erklären lässt, dass es gerade die Permissivität ist, die der Homosexualität im Wege steht. Okay, lautet die unausgesprochene Norm, du darfst dich homosexuell betätigen, aber dann steh auch dazu zu und erkläre, dass du homosexuell bist. Anders gesagt, seit es eine anerkannte homosexuelle Identität gibt, der sich unterordnen zu müssen ständig als Drohung im Raum steht, ist es für viele Jungendliche undenkbar geworden, gleichgeschlechtliche Gefühle zuzulassen und gleichgeschlechtliche Handlungen auszuprobieren. Wer will schon mit seinem Kumpel ein bisschen rummachen, wenn ihm dafür lebenslanges Schwulsein droht?
Berufslesbenundschwule glauben und möchten glauben machen, das zu Grunde liegende Problem sei die negative Wertung von Homosexualität. Das aber stimmt allenfalls in repressiven Gesellschaften. In permissiven ist nicht so sehr die Bewertung das Problem, sondern dass es vorgefertigte Muster dafür gibt, was es heißt, schwul zu sein, und dass Handlungen nicht einfach Handlungen und Empfindungen nicht einfach Empfindungen sein dürfen, sondern verstanden werden müssen als Symptome einer inneren Wahrheit, die es an den Tag zu bringen gilt. Jeder weiß oder glaubt zu wissen, wie Schwule sind, wie sie reden, wie sie sich anziehen, wie sie sich bewegen, welche Musik sie hören usw. usf. Wie viele solcher Indizien aber braucht es im Einzelfall, um jemanden abzustempeln?
Jugendliche wachsen heute unter einem ungeheuren Heterosexualisierungsdruck auf. Schon im Kindergarten wird so manchen kleinen Jungen eine kleine Freundin zugeordnet. Noch vor der (immer früher einsetzenden) Pubertät und natürlich besonders in dieser muss ein Vokabular des Begehrens erlernt und angewandt werden, das mit den eigenen Erlebnissen zunächst sicher nichts zu tun hat, diese aber vermutlich sehr wohl langfristig strukturiert. Möglichkeiten des Ausdrucks der Freundschaft und der Zuneigung zwischen zwei Jungen, zwei Jugendlichem, zwei Männern, über die frühere Jahrhunderte ganz selbstverständlich verfügten, sind längst ausgelöscht und stünden, kämen sie noch vor, unter dem Generalverdacht: Ist da was? Die sind doch offensichtlich andersrum. Allerdings kann in einer auf- und abgeklärten Gesellschaft auch bei schlechterdings jeder andere Weisen von Männern, sich auf Männer zu beziehen (etwa beim Sport, beim Militär, bei den „Männerbünden“ in der Wirtschaft usw.), der Vorwurf der „verdeckten Homoerotik“ erhoben werden. Das Miteinander von Männern hat definitiv seine Unschuld verloren.
Die Option „Schwulsein“ vermindert nun den Heterosexualisierungsdruck nicht etwa, sie erhöht ihn sogar noch. Denn erstens stimmt sie für viele schlicht nicht. Wer nicht „exklusiv heterosexuell“ ist, ist deshalb noch lange nicht „exklusiv homosexuell“. Und zum anderen kostet es einiges an Überwindung, um die Kategorie des Homosexuellseins, wenn man sie denn als zutreffend empfindet — was im Alter von vierzehn Jahren schon ein gewagtes Urteil wäre —, auf sich anzuwenden und dies auch anderen mitzuteilen. Niemand soll das tun müssen. Zumindest nicht, bevor er dazu bereit ist.
Der römische Junge, der sich zu Tode stürzte, war offensichtlich nicht in der Lage, das ihm nahegelegte Konzept einer „homosexuellen Identität“ zu verkraften. Es spielt dabei keine Rolle, ob es in seinem Fall „stimmte“. Das spielt im Grunde nie eine Rolle. Es kommt vielmehr entscheidend darauf an, ob man aus dem Konzept für sich selbst etwas machen kann, was einen stärker, selbstbewusster, weniger verwundbar macht, oder ob es bloß zum Ausdruck jener Missachtung wird, die man bei anderen wahrnimmt und die man sich selbst gegenüber verspürt. Anders gesagt: Es geht darum, dass man nicht andere darüber entscheiden lässt, wen und wie man liebt, sondern dass man Liebe als Befreiung zu sich und zum anderen erleben kann.
Das geht nicht von heute auf morgen. Jeder wird sich, je nach seiner persönlichen Geschichte, anders dazu verhalten. Es braucht Glück dazu, und das heißt nicht zuletzt glückliche Zufälle. Ganz allein schafft es kaum einer. Darum haben schützende und unterstützende Gemeinschaften ihre Berechtigung und ihre Notwendigkeit. Für Jugendliche ist es zweifellos am schwersten. Darum sind sie wohl am meisten gefährdet.
Ich würde dieser Gefahr aber nicht bloß den Namen „Homophobie“ geben, ich möchte sie auch und nicht zuletzt gern als hegemoniale Heterosexualität bezeichnen — oder, wenn man so will, als „Heteronormativität“. Gewiss, in einem „homophoben“ Umfeld wird sexuelle Selbstbestimmung behindert. Das gilt freilich für alle Menschen. Auch die, die sich als Heterosexuelle begreifen, unterliegen der Normierung, sie bemerken es nur oft nicht. Den Abweichenden fällt es selbstverständlich auf. Statt nun aber eine zweite Normalität zu fordern, nämlich eine für die Minderheit neben der der Mehrheit, wäre es besser, auf Normalisierungen überhaupt zu verzichten. Besser, weil befreiender. Was soll es bringen, Heteronormativität um Homonormativität zu ergänzen? Das eine ist so repressiv wie das andere. Deshalb kommt es nicht so sehr darauf an, „Homophobie“ zu verbieten und eine gesetzlich geregelte Seid-nett-zu-den-Schwulen-Haltung an ihre Stelle zu setzen. Sondern es gilt vor allem, für ein gesellschaftliches Miteinander einzutreten, in dem Menschen nicht danach eingeteilt werden, welche sexuelle Orientierung sie haben. Dann ist es schlichtweg nicht mehr möglich, andere wegen ihres (tatsächlichen oder unterstellten) Schwulseins zu verspotten. Und niemand würde sich deswegen mehr umbringen.