Dienstag, 14. Oktober 2014

Glosse XVIII

Qualität hat seinen Preis. Mag ja sein, aber wer ist er (oder es)? Dass die Genera der Personalpronomina der dritten Person im Singular zunehmend verwechselt werden, fällt mir schon seit ein paar Jahren auf. Dabei handelt es sich wohl nicht nur um Schusseligkeit, dass man also vergisst, welchen Geschlechts das Nomen war, auf das das später im Satz oder in späterem Satz auftretende Pronomen sich bezieht, sondern — wie der kurze Beispielsatz zeigt, bei dem es eigentlich nicht nur nichts zu vergessen gibt, sondern der als feststehende Formel eigentlich im Gehör verankert sein sollte — es dürfte sich um ein Schwinden des Gefühls fürs grammatisch Geschlecht überhaupt handeln. Textkorpusforscher könnten es besser wissen als ich, der ich nur spekuliere, aber mir scheint, dass dabei das Femininum sehr viel öfter von Maskulinum und Neutrum verdrängt wird als umgekehrt. Nähert das Deutsche sich etwa so dem Englischen an, in dem bekanntlich fast alle Hauptwörter, die auf kein „natürliches Geschlecht“ verweisen, sächlich sind?

Sonntag, 5. Oktober 2014

Gedanken anlässlich einer Bischofssynode

Eine bekannte Frage von Georg Christoph Lichtenberg lautet: „Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen, und es klingt hohl, ist das dann allemal im Buch?“ Analog könnte man fragen: Wenn die sogenannte „Lebenswirklichkeit“ der Menschen und die Morallehre der katholischen Kirche zusammenstoßen, und es klingt misstönig, ist dann allemal die Lehre zu ändern?
Moralische Normen haben es nun einmal so an sich, dass sie nicht das abbilden, was die Leute tun oder tun möchten, sondern das vorschreiben, was sie tun sollen. Nicht Fakten sind das Maß von Normen, sondern umgekehrt. Wäre es anders, bedürfte es keiner Moral. Wäre einfach das immer das Richtige, was geschieht, müsste zwischen richtig und falsch nicht mehr unterschieden werden. Hätten sich die Normen den Fakten anzupassen, so wäre zu lügen, zu stehlen, zu morden moralisch einwandfrei, einfach deshalb, weil ja viel gelogen, hin und wieder gestohlen und ab und zu sogar gemordet wird.
Nun kann niemand leugnen, dass auch moralische Normen der Veränderung unterworfen sind. Ganz offensichtlich ist das bei der sogenannten Sexualmoral. Galten früheren Zeiten vor- und außerehelicher Sex, Ehebruch, Selbstbefriedigung und Homosexualität als unanständig (und war oft sogar strafbar), ist das in den meisten westlichen Gesellschaften heute anders. (Oder wenigstens zum Teil: Immer noch wird homosexuelles Verhalten anders wahrgenommen als heterosexuelles, gilt „Wichser“ als Schimpfwort, kann ein beim Ehebruch ertappter US-Politiker seine Karriere vergessen und wird die Sexualität von Kindern und Jugendlichen streng reglementiert.)
Ein solcher Wandel im Umgang mit moralischen Normen kann als kultureller beschrieben werden. Verschiedene Kulturen haben verschiedene moralische Problematisierungsstrategien. Lügen, Stehlen und Morden findet wohl keine Kultur richtig, aber die Umstände, unter denen eigentlich Verbotenes oder Unerwünschtes doch erlaubt, womöglich sogar erwünscht und geboten erscheinen, können entscheidend sein: Töten ist im Krieg eine Selbstverständlichkeit, aus öffentlichem Interesse darf enteignet werden und Lügen in Namen der nationalen Sicherheit sind völlig normal.
Moral gilt ohnehin vielfach als etwas, was vor allem andere verpflichtet. Dasselbe Kind, das von Eltern, Lehrern, Mitschülern nicht belogen werden möchte, findet nichts dabei, bei der Klassenarbeit zu schummeln. Derselbe Erwachsene, der seinen Nachbarn am liebsten anzeigen möchte, wenn er zur falschen Zeit den Rasen mäht, findet nichts dabei, sein Auto falsch zu parken oder die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zu übertreten.
Mindestens so flexibel war und ist der Umgang mit der Sexualmoral. Dieselbe Gesellschaft, die es für wünschenswert hielt, dass Frauen jungfräulich in die Ehe gehen, konnte Männern den Gang zu Prostituierten vor und während der Ehe nachsehen. Dieselbe Gesellschaft, die Pädophilie ächtet, wünscht die Straffreiheit von Abtreibungen.
Mit all diesen Wandlungen, Biegsamkeiten, Doppel- und Mehrfachmoralen hat nun aber eine theologisch fundierte Morallehre nichts zu tun. Kultureller Wandel ist für sie nicht von Bedeutung. Gewiss gehen auch in sie manche zeitlich bedingte Vorstellungen ein und selbstverständlich verändert sich die Art und Weise, in der bestimmte Wertvorstellungen formuliert und kommuniziert werden. Sofern aber, wie es bei der katholischen Kirche nun einmal der Fall ist, der Anspruch besteht, dass die verkündete Normativität nicht auf menschliche Setzung oder kulturelle Kontingenz zurückgeht, sondern im Kern auf Gott und die von Gott geschaffene Natur selbst, so ist klar, dass es nicht den mindesten Grund gibt, an der bestehenden Lehre irgendwelche Abstriche zu machen und sich dem Zeitgeist anzupassen, bloß weil die Leute es gern so hätten.
Tatsächlich stehen kirchliche Lehre und übliche Praxis regelmäßig in Widerspruch. Nur ist das nichts Neues. Es bedürfte des Begriffes der Sünde nicht, wenn niemals Verstöße gegen göttliches Gebot, natürliches Sittengesetz (wie es von der Kirche interpretiert wird) und kirchliche Satzung vorkämen. Und ohne Sünde kein Bedarf an Sündenvergebung, keine Notwendigkeit des Opfertodes des Sohnes Gottes, also keine Erlösung, keine Sakramente, kein Evangelium, keine Kirche. Es gibt aber die Kirche, sie stellt fest, dass es Sünde gibt, und ist dagegen.
Dass die bloße Tatsache des Vorkommens von Normverstößen kein Argument für Abschaffung der betroffenen Norm ist, ist leicht einzusehen. Eine Zunahme von Ladendiebstählen kann das Eigentumsrecht nicht ändern und wohl niemand wird auf die Idee kommen, deswegen das Strafrecht umschreiben zu wollen. Was für Gesetzesrecht gilt, gilt auch für Anstand und Moral. Auch wenn es unüblich würde, Bedürftigen in Verkehrsmitteln den eigenen Sitzplatz anzubieten, so bleibt es doch anständig und moralisch richtig.
Weder ein Wertewandel noch eine abweichende Praxis vermag also eine Notwendigkeit zu begründen, dass die katholische Kirche ihre Auffassungen über Moralisches zu ändern habe. Tatsächlich wären solche Veränderungen im Grundsatz auch gar nicht möglich. Oder nur um den Preis der Selbstaufgabe.
Wer die katholische Morallehre für falsch hält, mag das tun. Man kann die katholische Moral ebenso wie das katholische Dogma verwerfen. Was man aber, wenn man die theologische Argumentation verstanden hat und redlich ist, nicht kann, ist einmal Festgelegtes für verhandelbar zu halten. Mit der Offenbarung diskutiert man nicht. Entweder die zuständigen Instanzen der katholischen Kirche sind befugt, Normen ein für allemal verbindlich festzulegen, dann gibt es daran nichts zu rütteln — und nicht das Sollen ist dem Sein, sondern dieses jenem anzupassen —; oder diese Befugnis besteht nicht, dann gibt es aber überhaupt keinen legitimen Grund für die Existenz der katholischen Kirche als solcher. Entweder eine wirklich katholische Kirche, dann auch eine unwandelbare Lehre, auch in moralibus, oder eine nach den scheinbaren Erfordernissen der Zeit gemodelte Lehre, dann keine katholische Kirche, sondern sektiererisches, letztlich protestantisches Wischiwaschi oder ehrlicherweise gleich Atheismus.
Umgekehrt gilt der geschichtlichen Erfahrung zufolge auch: Je mehr man katholischerseits den Leuten nach dem Mund redet und die Verbindlichkeit von Dogma und Norm herunterspielt, desto mehr schwindet der gesellschaftliche Einfluss und desto leerer werden die Kirchen. Je bestimmter und unangepasster man hingegen auftritt, desto glaubwürdiger wird man und desto lebendiger wird das kirchliche Leben. Das muss und wird nicht jedem gefallen. Aber so sind nun einmal die Fakten.

Donnerstag, 28. August 2014

Glosse XVII

Die Schreibweise messaliance, die ich unlängst irgendwo las, hat durchaus etwas für sich. Sie erinnert an Valeria Messalina, die dritte Gemahlin von Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus, der als Kaiser Claudius in die Geschichte eingegangen ist; eine gelungene Verbindung war diese Ehe nun wirklich nicht. Vielleicht möchte man auch „mess“ und „alienation“ assoziieren (englisch für Unordnung, Schlamassel, Schweinerei" und „Entfremdung, Verstimmtheit, Geisteskrankheit“). Im Wörterbuch allerdings steht lediglich „mésalliance“.

Montag, 18. August 2014

Glosse XVI

Finde es immer wieder hübsch, wenn bei irgendwem irgendwas an den Nerven zerrt. Ein kräftiges Bild: Etwas zerrt, etwas spannt sich — bis es womöglich reißt. Trotzdem bin ich selbstverständlich reaktionär genug, um jedes Mal zu denken: Richtig hieße es aber „zehren“.

Samstag, 26. Juli 2014

Bemerkung über Parteinahme

Man wolle nicht Partei ergreifen. Man könne nicht Partei ergreifen Man dürfe nicht Partei ergreifen. Irgendwie hätten beide Seiten Recht. Irgendwie hätten beide Seiten Unrecht. Einerseits, andererseits.
Einer schreibt sogar, er schaffe es nicht, ohne schlechtes Gewissen Partei zu ergreifen, und setzt neckisch hinzu, es verunsichere ihn bereits, wenn er jemanden sagen höre, was er selbst bis zu diesem Moment gedacht habe.
Nun mag es tatsächlich Konflikte geben, die völlig symmetrisch sind und bei denen beide Konfliktparteien gleichermaßen im Recht und im Unrecht sind. Die meisten Auseinandersetzungen aber sind nicht von dieser Art. Für gewöhnlich lässt sich erkennen, wessen Verhalten den Konflikt verursacht hat, mehr Leid und Zerstörung hervorruft, eher zur Konfliktbeendigung beiträgt oder diese verhindert.
Selbstverständlich kann es schwierig sein, bestimmte Sachfragen zu entscheiden. Da mag manches vorübergehend oder dauerhaft untentschieden bleiben. Doch wenn es um ethische Dilemmata geht, gibt es für gewöhnlich keine Neutralität. Was wahr und was falsch ist, mag sich unserer Kenntnis entziehen, wir müssen es nicht immer wissen. Was aber gerecht oder ungerecht ist, böse oder gut, das zu entscheiden duldet keinen anhaltenden Aufschub, das kann uns nicht egal sein — und tatsächlich gibt es in den meisten Situationen eine moralische Intuition; ob dieser zu folgen, wie sie zu kritisieren oder was die Alternative ist, gilt es durch Reflexion zu klären.
In der Ethik gibt es keine Indifferenz. Diese wäre bereits Parteinahme, nämlich für die Seite des Schlechten. Denn zu sagen, dass „gut“ und „schlecht“ gleich seien, dass also das Schlechte im Unterschied zum Guten nicht schlecht und das Gute im Unterschied zum Schlechten nicht gut, das ist unwahr und also schlecht. Aus dieser Notwendigkeit, ethisch relevante Unterschiede zu machen (erlebe man das nun als Zwang oder als Gnade), kann man sich nicht heraushalten.

Es ist einfach so: Wenn Menschen aneinander handeln und einander Schaden zufügen, ziehen sie jeden mit hinein und sei es nur durch die Unerlässlichkeit einer Stellungnahme. Wenn vor deinen Augen einer einen anderen zusammenschlägt, und du greifst nicht ein, rufst nicht um Hilfe oder zeigst den Täter nicht wenigstens hinterher an, dann stellst du dich auf die Seite des Schlagenden und hast Partei gegen den Geschlagenen ergriffen.
Allerdings folgt aus der ethisch betrachtet allein zulässigen Parteinahme für die Geschlagenen, Beschädigten, Unterdrückten dieser Welt, für die, die in Hunger und Elend leben, die an Mangel, vermeidbaren Krankheiten und in Kriegen sterben, denen man Bildung, Freizügigkeit, Lebensglück und alles mögliche andere vorenthält — aus dieser Parteinahme also folgt nicht, dass die, für die man Partei ergreift, immer alles richtig machen und man alles billigt, was sie getan haben, tun oder zu tun vorhaben.
Ethisch begründete Parteinahme suspendiert gerade nicht das ethische Urteil, sie setzt es voraus, setzt es ins Recht und verpflichtet es zur ständigen Überprüfung. Es mag ja sein, dass man sich unsicher ist und lieber nicht urteilt, als falsch zu urteilen. Das ist lobenswert. Wer sich aber gar nicht bemüht, die Unsicherheit zu überwinden, sondern sich in ihr einrichtet, weil es es bequemer ist, die Unterscheidung zu unterlassen, als für sie den Kopf hinzuhalten, handelt falsch.
Ich selbst mag den Ausdruck „Urteil“ übrigens nicht besonders, er trägt ins Ethische (und Ästhetische) etwas Juristisches hinein, das dort nicht hingehört. Ich zöge den Ausdruck „Entscheidung“ vor, wenn dieser nicht wiederum etwas so Willkürlich-Selbstherrliches hätte. Es geht aber nicht um Setzung, es geht um Einsicht, um Kriterien, die man anerkennt und anwendet, um praktische Folgen aus theoretischen Schlüssen. Soll man statt „Urteil“ lieber „Entscheidungsfindung“ sagen? Dann doch lieber gleich Parteinahme, unter der Voraussetzung, dass diese nicht willkürlich, nicht blind, nicht unbedacht, sondern eben ethisch ist: Behandle jeden so, wie du von ihm behandelt werden möchtest. Wer nicht richtig handeln will, macht bereits etwas falsch.
Darum gilt: Wer mit schlechtem Gewissen Partei ergreift, soll es besser bleiben lassen und erst einmal sein Gewissen erforschen. Wessen Gewissen ihm grundsätzlich nicht erlaubt, Partei zu ergreifen, also Recht Recht zu nennen und Unrecht Unrecht, der sollte besonders gründlich forschen, denn mit seinem Gewissen kann etwas nicht stimmen. Vielleicht ist es gar nicht das Gewissen, das da mit ihm spricht, sondern bloß die Angst, Verantwortung übernehmen zu müssen, sich verantwortlich zu wissen für die Mitmenschen und ihr Tun und Lassen.
Große Worte? Große Worte. Manchmal tun’s kleine nicht. Wenn es um Leben und Tod geht, um Freiheit oder Repression, um Anstand oder Verachtenswertes. Dann kann man nicht so tun, als könne man bloß zuschauen, abwägen, sich eines Urteils (und sei es nur ein vorläufiges, die eigene Endlichkeit und Anfälligkeit für Irrtum und Täuschung berücksichtigendes) enthalten. Wer nicht Partei ergreift, wo Parteinahme gefordert ist — nicht von den Parteien, sondern von der Sache! —, der hat schon Partei ergriffen. Wer nicht für das Gute, Wahre und Schöne eintritt, gibt dem Bösen, der Lüge, der Missstand Raum. Wer nicht bereit ist, Recht Recht zu nennen und Unrecht Unrecht, der hilft mit, dass Unrecht Recht verdrängt.
Ich will das nicht. Ich bringe das nicht über mich. Und ich bin überzeugt, dass das auch kein anderer wollen oder können soll.

Samstag, 28. Juni 2014

Glosse XV

Tschile, du Trottel, Tschile heißt das! Ich bin ja sehr tolerant, was die niederdeutsche Unfähigkeit, richtiges Deutsch zu sprechen angeht, aber fremder Länder Namen zu verhunzen, das geht einfach zu weit. Weh dem, der Chile ausspricht, als ob es China wäre. Freilich, so einer sagt dazu wohl Schina ...

Mittwoch, 11. Juni 2014

Glosse XIV

Ob da ein Korrekturprogramm übel mitgespielt hat? Jedenfalls steht mehr als einmal begeifern dort, wo sicher begreifen hätte stehen sollen. Nun, zu Text und Milieu passt es aber.

Samstag, 7. Juni 2014

Donnerstag, 29. Mai 2014

Glosse XII

Eines dieser Wörter, die es gar nicht geben dürfte, weil sie so dumm und hässlich sind, an denen Immobilienmakler und Immobilienmaklerinnen aber anscheinend einen Narren gefressen haben: Masterbad.

Glosse XI

Wenn Journalisten nicht einmal mehr ihre Berufsbezeichnung richtig aussprechen können, was kann man dann von diesen Leuten noch erwarten? Von Norden her — mittwochs im NDR-Medienmagazin „Zapp“ immer wieder zu hören — breitet sich die Unsitte aus, von Dschornalisten und Dschornalismus zu plappern. „Schur!“, möchte man schreien. „Schurnalismus, wie in Schafschur und Schurwolle!“

Glosse X

Zum hundertausendsten Mal: Er heißt nicht Kokoschka, sondern Kokoschka. Warum weigert man sich in Deutschland so hartnäckig, zur Kenntnis zu nehmen, dass alle tschechischen Namen auf der ersten Silbe beton werden? Darum heißt es auch Janáček und nicht Janáček. Der Akzent zeigt dabei eine Längung an, nicht die Betonung.

Glosse IX

Ich hoffe, ... dass es anschließend gelingt, eine nach vorn gerichtete Atmosphäre vorzufinden. (Steinmeier) Die offizielle Außenpolitik der BRD vielsagend auf den Punkt gebracht.

Sonntag, 18. Mai 2014

Kirche oder Glück?

Ein Verlag bewirbt ein Buch mit dem Satz: „Das Zölibat stellte [Autorennname] vor die Wahl zwischen katholischer Kirche und dem Glück mit Frau und Kind.“ Hier ist alles falsch. Zunächst das Genus des Wortes Zölibat: das ist nämlich männlich. Sodann wurde der Priester vor keine Wahl gestellt, sondern er hatte ein Versprechen gegeben und brach es. Und schließlich lautet die Alternative nicht „Kirche“ oder „Glück mit Frau und Kind“, sondern „Treue zu dem Gott gegeben Versprechen, sich ganz dem Dienst an der Gemeinschaft der Gläubigen zu weihen“ versus „Geilheit und Spießerglück“.
Ginge es nach mir — aber ich habe in der römisch-katholischen Kirche ja leider nichts zu sagen, schon weil ich ihr nicht angehöre —, würden Priester, die wiederholt oder gar institutionell ihr Zölibatsversprechen brechen, kastriert. Für ihre Kebsweiber fände ich, streng nach altjüdischem Brauch, die Steinigung nicht unangemessen.
Leider ist in der real existierenden Kirche das Reinlichkeitsbedürfnis weniger streng ausgeprägt als bei mir. Lieber stilisiert man irgendwelche willkürlichen Missbrauchsvorwürfe zu „Missbrauchsfällen“ um, zahlt horrende Summen den selbsternannten Opfern und ramponiert so das weiter das öffentliche Bild des katholischen Klerikers, als dass man konsequent gegen diejenigen Geistlichen vorginge, die tatsächlich einen unwürdigen Lebensstil pflegen, indem sie sich der Hurerei ergeben.
Es müsste ja nicht gleich Kastration und Steinigung sein. Aber ein Ausmisten täte not. Es gab gute Gründe, warum in der westlichen Kirche vor tausend Jahren die Ehelosigkeit auch für gewöhnliche Weltgeistliche (und nicht nur, wie in der östlichen, nur für Mönche und Bischöfe) vorgeschrieben wurde. Das war ein Schritt der „Entweltlichung“ des Klerus, ein Schnitt, der heute, unter mehrmals geänderten gesellschaftlichen Bedingungen, wieder dringend notwendig wäre.
Mit ihrer Verhimmelung von Ehe und Familie — die übrigens jeder Grundlage in der Botschaft und Lebensweise Jesu Christi entbehrt (vgl. u.a. Mt 10,37; 12,48ff.; 19,12) — hat sich die römisch-katholische Kirche freilich selbst in eine verzweifelte Lage gebracht: Man kann nicht einerseits das Heiraten und Kinderkriegen als Gott höchst wohlgefällig hinstellen, es aber andererseits gerade den Kirchenfunktionären verwehren. Da war der Apostel Paulus weiser: Er erlaubte Ehe und ehelichen Sex, aber nur als Notlösung, damit nicht Schlimmeres passiert. Die Menschen, die ohne Ehemann oder Ehefrau auskämen, seien aber besser dran.
Nun zwingt ja niemand jemanden, katholischer Priester zu werden und die freiwillige Verpflichtung zur Ehelosigkeit einzugehen. Niemandem, der sich für diesen Beruf entscheidet, ist es unbekannt, dass das Weihepriestertum seit Jahrhunderten den Zölibat zur Bedingung hat. Wenn sich jemand beschweren könnte, dann also nur die, die sagen: Ich konnte nicht Priester werden, weil ich nicht zölibatär leben wollte. Diejenigen aber, die die Verpflichtung eingegangen sind und dann später sagen: Nö, giltet nicht mehr, ich habe jetzt mal Lust, eine Frau zu vögeln, und die Kirche soll gefälligst ihre Vorschriften meinen Bedürfnissen anpassen — diese Versprechensbrecher sind schlicht Abschaum. Nicht weil sie sündigen, denn wir sind alle Sünder; sondern weil sie ihre Sünde zu einem Recht stilisieren.
Ist die Selbstgerechtigkeit solcher schwanzgesteuerten Armleuchter schon schwer erträglich, so geht die Widerlichkeit ihrer Bettgenossinnen über jeden Begriff. Man mag es ja noch verstehen, dass ein Mann, der an Heterosexualität leidet, den Versuchung, die die Gesellschaft überall aufbaut, in die Falle geht. Dass es aber Frauen gibt, die wissentlich mit einem katholischen Kleriker ficken, kann ich nicht begreifen Wie verkommen muss man sein, um davor nicht zurückzuschrecken? Und wie bodenlos unverschämt, in solchem Tun nicht nur ein Unrecht, sondern sogar ein Recht zu sehen? Zumindest eines, dass man eigentlich haben sollte, wenn die Kirche nicht so engstirnig wäre, verbindliche Regeln aufzustellen.
Neuerdings haben 24 Italienerinnen, die (laut kathpress) eine Beziehung zu einem Priester oder Ordensmann haben oder hatten oder haben wollen (!), an den Papst brieflich mit der Bitte gewandt, den Zölibat abzuschaffen. Ich weiß nicht, ob Franziskus sie einer Antwort würdigen wird. Sie würde im Kern sowieso nein lauten. Ich würde mir aber wünschen, darüber hinaus kämen noch die Wörter Sünde, Wortbruch, Ekel darin vor. Leider werde ich mit größter Wahrscheinlichkeit enttäuscht werden. Einmal mehr.

Samstag, 3. Mai 2014

Glosse VIII

In seinem Abschlussbericht kommt das LKA nach Informationen von NDR und SZ zu dem Ergebnis, dass Edathy in mehreren Fällen strafbares Material über das Internet aufgerufen haben soll. Strafbares Material? Na, dann bestraft doch das Material und lasst die Menschen in Ruhe.

Glosse VII

Bildungssplitter beim ARD-Text: Eine 500 Jahre alte jüdische Thora ist für fast drei Millionen Euro (…) Tatsächlich eine jüdische Torah? Und nicht etwa eine buddhistische? Das 1482 in Bologna im Wiegendruckverfahren gefertigte Werk (…) Ach, ja das gute alte Wiegendruckverfahren. Kennt man ja. (Anm.: Wiegendrucke oder Inkunabeln nennt man Bücher, die zwischen der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und dem Jahr 1500 hergestellt wurden. Ein besonderes Verfahren wird damit allerdings nicht bezeichnet.)

Glosse VI

Durchsage der ÖBB: Im Zeitraum (…) kommt es auf der Strecke (…) zu Bauarbeiten. Mir fehlen in der erstaunlichen Formulierung noch Wörter wie „mitunter“ oder „gelegentlich“.

Montag, 21. April 2014

Glosse V

Das ist mir neu. Das jüdische Pessachfest sowie das katholische, evangelische und orthodoxe Osterfest fallen in diesem Jahr zusammen. Mich überrascht daran erstens, dass ein jüdisches und ein christliches Fest „zusammenfallen“ können — und nicht bloß die Daten, an denen sie begangen werden. Zwar freute es mich, wenn endlich auch von frommen Juden die Auferstehung Jesu Christi gefeiert würde, ich halte es unter den gegebenen Umständen aber doch eher für unwahrscheinlich. Zweitens kommt es für mich etwas überraschend, dass es ein evangelisches Osterfest geben soll. Bisher dachte ich, es komme in westlichen und östlichen Kirchen zu unterschiedlichen Berechnungen des Ostertermins, weil diese den julianischen und jene den gregorianischen Kalender verwenden. Und da die Protestanten spätestens im 18. Jahrhundert die päpstliche Kalenderreform des 16. Jahrhunderts nachvollzogen haben, scheint mir die Rede von einem „evangelisches Osterfest“ (genauer: Osterfesttermin) ungewöhnlich sinnlos.

Mittwoch, 9. April 2014

Glosse IV

Der Ausdruck transatlantische Gesellschaften will mir nicht so recht einleuchten. Gemeint sind wohl die Gesellschaften Europas und Nordamerikas. Müsste es aber nicht, wo es ein Trans gibt, auch ein Cis geben: transalpin, cisalpin, transleithanisch, cisleithanisch usw.? Wo aber und von welcher Seite aus gesehen wäre etwas „cisatlantisch“? Wenn von transatlantischen Beziehungen die Rede ist, dann im Sinne der Beziehungen Europas zu den USA und selten auch umgekehrt. „Transatlantisch“ mag dann so viel heißen wie: den Atlantik überqueerend, übergreifend, seine Anlieger verbindend. Es geht also um Richtungen, nicht um Gegenden. Wollte man von etwas sprechen, was sich um den Atlantik herum befindet, müsste es wohl „periatlantisch“ genannt werden. (Das sagt aber keiner.) Transatlantisch ist freilich noch in anderer Hinsicht unangemessen, denn auch zahlreiche Länder Afrikas und Lateinamerikas haben eine Atlantikküste. Wer aber nennt die Beziehungen, gar die Gesellschaften Brasiliens und Angolas „transatlantisch“? Um damit die westlichen Industriegesellschaften der nördlichen Hemisphäre zu bezeichnen, scheint mir der Ausdruck transatlantische Gesellschaften jedenfalls untauglich, ohne dass ich eine prägnante Alternative anzubieten hätte. (Gesellschaften des globalen Nordwestens? Nordwestliche Gesellschaften? Euramerika?)

Dienstag, 8. April 2014

Glosse III

Wenn einer sagt, etwas werde gewertschätzt, so kann man nur hoffen, dass sich das nicht eines Tages gedurchsetzt haben wird.

Montag, 7. April 2014

Glosse II

Wenn einer von am Reißbrett geplanten Stadtvierteln schreibt, dann möchte man zu gern wissen, wo denn sonst, wenn nicht auf dem Reißbrett Gebäude, Straßen, Plätze, Grünanlagen usw. entworfen werden sollen — wobei man ruhig zugeben kann, dass die Aufgaben des Reißberetts längst der Rechner übernommen hat, was aber an der Redeweise genauso wenig ändern muss, wie die Vorherrschaft der Tastatur die Wendung „mit spitzer Feder“ obsolet macht.

Glosse I

Wenn einer schreibt, dass ein Anspruch Makulatur geblieben sei, dann darf man annehmen, dass er entweder nicht weiß, was der Ausdruck Makulatur bezeichnet – „beim Druck schadhaft gewordene oder fehlerhafte Bogen; Altpapier, das aus wertlos gewordenem bedrucktem Papier (z.B. Zeitungen, alte Akten o.Ä.) besteht; Gemisch aus Kleister und fein zerrissenem Papier, das vor dem Tapezieren auf eine Wand aufgetragen wird“ (Duden) –, oder sich der Bedeutung des Sprachbildes beim Hinschreiben nicht bewusst war. Denn was auch immer Makulatur geworden sein mag (und solche dann meinetwegen auch bleibt), muss erst auf Papier geschrieben oder gedruckt vorliegen: ein Vertrag, ein Gesetzestext oder ein beispielsweise brieflich erhobener Anspruch. Eine bloß mündliche Äußerung und erst recht ein Gedachtes, das nirgendwo geschrieben steht, sondern aus Äußerungen und Handlungen erst erschlossen werden muss, kann nicht zu Makulatur werden und darum auch nicht Makulatur bleiben.

Sonntag, 9. März 2014

„I’m gonna tell God everything“

Ende vorigen Jahres tauchte im Internet das Bild eines blutüberströmten weinenden Jungen auf. Bei dem Dreijährige, so informierten Bildunterschriften und Kommentare, handle es sich um ein Opfer des syrischen Bürgerkrieges, das bald nach der Aufnahme seinen Verletzungen erlegen sei. Seine letzten Worte, heißt es, seien gewesen: „Ich werde Gott alles sagen!“
Wem das nicht das Herz zerreißt, der hat keines.
Dabei ist es völlig gleichgültig, ob die Geschichte stimmt. Es genügt, dass man sich vorstellen kann, dass sie wahr ist. Ein Kind in höchster Not, voller Schmerzen und Todesangst, ist sich völlig sicher, dass es, wenn es tot sein wird, bei Gott sein wird, und dann wird es die ganze Welt wegen ihrer Schlechtigkeit anklagen.
Herzzerreißend.
Gott werde den Tod des kleinen Jungen rächen, meinen manche, die das Foto im Netz kommentiert haben. Aber führt Vergeltung zu Gerechtigkeit? Neues Leid, und sei es die Höllenpein der Verdammten, hebt altes Leid nicht auf. Es muss noch etwas anderes geben als Rache und den Wunsch danach. Der Satz des kleinen Jungen verlangt nach mehr.
Viele Menschen nehmen die Tatsache, dass es Leid in der Welt gibt, zum Anlass, das Dasein Gottes zu bezweifeln oder zu bestreiten. Wie kann ein Gott, so fragen sie, der angeblich gut und allmächtig ist, all das Böse zulassen, das Menschen widerfährt?
Mir geht es gerade umgekehrt. Gerade die unbestreitbare Tatsache, dass es Leid gibt, spricht für mich für die Notwendigkeit Gottes, dafür, dass er vollkommen gut und dass bei ihm nichts unmöglich ist.
Was Gott zulässt, ist der freie Wille des Menschen. Im Rahmen unserer Möglichkeiten (die allerdings beschränkt sein können), können wir uns für oder gegen etwas entscheiden, können handeln, wie wir wollen. Handlungen haben aber Folgen. Sorgte Gott dafür, dass menschliches Handeln folgenlos bliebe, schaffte er damit die Wirklichkeit und letztlich den freien Willen des Menschen ab. Wenn es gleichgültig wäre, wie wir uns entscheiden, weil immer nur Gutes dabei herauskommen kann, wären unsere Entscheidungen sinnlos. Gott will aber, dass die Menschen das Gute wählen. Unerfreulicherweise nützen sie allerdings ihre Freiheit oft widmungswidrig zum Bösen.
Die Folgen sind bekannt. Nicht nur unsere eigenen Handlungen jedoch, sondern auch die Handlungen anderer haben für uns Folgen. Zwar gibt es gewiss viel Gutes, das man uns tut, doch sind wir immer auch in die Sünden anderer verstrickt und verstricken andere in unser eigenes böses Tun. Und darum, und nicht weil Gott versagt hätte, ist die Welt, wie sie ist.
Zu Recht also klagt der sterbende kleine Junge uns vor dem Richterstuhl Gottes an. Wir alle, jeder auf seine Weise, sind mitschuldig an seinem Leiden und seinem Tod und an dem Leiden und Sterben so vieler anderer. Wie kommen wir aus dieser Schuld heraus? Wer bewahrt uns vor den bösen Folgen unserer Handlungen? Können wir uns selbst aus der Verstrickung in die Schlechtigkeit der Welt befreien?
Und gesetzt selbst, wir würden umkehren, unser Leben völlig umkrempeln und nicht nur bessere, sondern sogar vollkommen gute Menschen werden; gesetzt auch, es gelänge — was ich mir wünsche, woran ich aber nicht glaube — das Zusammenleben der Menschen in Zukunft so zu gestalten, dass niemandem mehr Unrecht zugefügt wird; gesetzt also, die Welt würde irgendwann zu einem fortan besseren Ort, so bliebe eben doch die Tatsache, dass es einmal Unrecht und Schlechtigkeit gegeben hat.
Selbst wenn also jeder, der lebt, glücklich ist, weder Demütigung noch Schmerz, weder Ausbeutung noch Einsamkeit, weder Krankheit noch — was ich mir nicht vorstellen kann und auch nicht für wünschbar halte — den Tod kennt, so bliebe doch die unbestreitbare Tatsache, dass Menschen gelitten haben und gestorben sind.
Kann man sich damit abfinden? Ich kann es nicht. Nicht im Namen eines irdischen Paradieses und nicht auf Grund sonst einer Vertröstung. Ich will keine leeren Versprechungen, ich will Wirklichkeit. Ich will, dass am Ende alles gut ist, davon gehe ich nicht ab. Die Vorstellung hingegen, all das Leid, das es gibt und gegeben hat, bleibe in Ewigkeit übrig, all die Toten blieben tot und das wär’s dann, erscheint mir unerträglich grausam.
Brächte es denn wirklich einer derjenigen, die nicht an das ewige Leben glauben, über sich, dem unter Schmerzen sterbenden Jungen ins Gesicht zu sagen: Bald bist du tot und dann gibt es dich nicht mehr. Nicht mehr und nie wieder. Und alles, was du erlitten hast, ist sinnlos. Wäre das nicht unmenschlich? Völlig menschenwirdrig?
Ich habe nie geleugnet, dass mein Glaube an die Notwendigkeit Gottes ein Schwäche ist, nämlich das völlige Unvermögen, die Endgültigkeit des Totseins und die Unaufgehobenheit des Gelittenhabens zu akzeptieren. Aber nicht jede Schwäche ist etwas Schlechtes. Diese hier verweist auf eine Grenze, nämlich die, an der das Menschen Mögliche endet, aber noch lange nicht erreicht und bei weitem nicht erfüllt ist, was Menschen zusteht. Was meiner festen Überzeugung nach zu sein hat, geht über das hinaus, was Menschen tun können. Den Rest muss Gott übernehmen.
Darum vertraue ich nicht auf den Zorn, sondern auf die Barmherzigkeit Gottes. „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“, sagte der sterbende Jesus zu dem Mitmenschen, der neben ihm gekreuzigt wurde. Er hat es, daran glaube ich, auch zu dem kleinen Jungen gesagt, dessen Foto und letzte Worte um Welt gegangen sind. Und ich kann nicht glauben, dass er nicht Wort gehalten hat.

Sonntag, 23. Februar 2014

Sündhaft teurer Dreck

Dass einer im Luxus leben will, ist ja nicht völlig unverständlich. Nicht jeder fühlt sich zu franziskanischer Armut berufen. Man kann’s mit dem Wohlleben aber auch übertreiben. Zumal, wenn man bloß ein vom und fürs Volk gewählter Politiker und kein Sportler, Schauspieler, Musiker oder sonstiger Großunternehmer ist. Weil dann nämlich der Verdacht naheliegt, dass zur Finanzierung all der Pracht auch ein womöglich reichlich bemessenes Präsidentengehalt samt übermäßig großzügigem Spesenrahmen nicht ausgereicht haben kann, sondern der zur Schau gestellte Reichtum jenseits von Legalität und Moral zusammengetragen wurde.
Ein reicher Mann, sagt ein von mir gern zitiertes chinesisches Sprichwort, ist entweder ein Dieb oder der Sohn eines Diebes. Wiktor Janukowytschs Vater war Metallarbeiter, seine Mutter Krankenschwester.
Nun ist der Umstand, dass der vom Autoschlosser zum Staatsoberhaupt aufgestiegene Janukowytsch sich und seine Familie bereichert hat, keineswegs überraschend. Von Kommunisten und Postkommunisten ist nichts anderes zu erwarten als Kleptokratie. Und es überrascht mich auch nicht, dass die Bilder von Meschyhirja, Janukowytschs bombastischer Privatresidenz, die alte Einsicht bekräftigen, dass man Geschmack nicht kaufen kann.
Es passt alles zusammen. Auf dem Gelände befand sich einst das Kloster Meschyhirja, das auf Befehl der Bolschewisten 1918 geschlossen und Mitte der 30er Jahre abgerissen wurde. Die Partei und später der ukrainische Staat hatten dort später ein Gästehaus. Janukowytsch bewohnte das Haus erstmals als Ministerpräsident und mietete es später privat zu einem erstaunlich niedrigen Preis. Mit Methoden, die man gern „undurchsichtig“ nennt, ließ Janukowytsch die Immobilie in sein Eigentum übergehen und anschließend, natürlich auf Staatskosten, nach seinen Vorstellungen umbauen.
Meschyhirja ist mehr als dreimal so groß wie die Vatikanstadt, umfasst Gärten, Jagdrevier, Golfplatz, Tennisplätzen, Bowlinganlage, Reitanlage, Schießanlage, Hubschrauberlandeplatz, Jachthafen, Privatzoo, eine mit Luxuslimousinen und Oldtimern überreich bestückte Garage und ein auch nicht leeres Bootshaus, sodann das alptraumartig überladene Haupthaus und ein zu Partyzwecken geeignetes Nebenhaus in Gestalt einer im Wasser liegenden Galeone.
Man muss das alles gesehen haben, um einen Eindruck von der völligen Geschmacklosigkeit zu bekommen, die sich hier mit viel, viel Geld verwirklicht hat. Man mag einwenden, dass man einem mann, der, wie man es nennt, aus „einfachsten Verhältnissen“ stammt — und schon als Jugendlicher kriminell gewesen sein dürfte —, nicht vorwerfen könne, dass sein Stilempfinden nicht ausgeprägt sei. Es gelte nun einmal: Erlaubt ist, was gefällt. Nun gut. Aber was da gefällt, lässt eben doch tief blicken. Wozu etwa will jemand ein Klo in Form eines Thrones? Kommt er sich dann richtig wichtig vor, wenn er sein Geschäft verrichtet? Und wenn er sich in sein Schein-Boot ein Klo und Bidet mit goldenen Entenfüßen einbauen lässt, erinnert ihn das nicht an die hühnerbeinige Hütte der Märchenhexe Baba Jaga? Will er das?
In früheren Zeiten konnten Machthaber mit ihrem Reichtum brüsten. Tempel und Schlösser, Kathedralen und Museen verdanken sich der Mehrwertabschöpfung durch die Herrschenden, aber eben auch ihrer Kunstsinnigkeit. Dumpfe Gestalten wie Janukowytsch können ihren geliebten Prunk nicht zur Schau stellen, weshalb Meschyhirja Sperrgebiet und Flugverbotszone war. Sie können das aus zwei Gründen nicht: Weil alles geklaut ist. Und weil es geschmacklos ist.
Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die jüngst all den widerwärtigen, von ihrem Geld bezahlten Protz besichtigen konnten, taten gut daran, den sündhaft teuren Dreck nicht zu verwüstenen, sondern angeekelt zu bestaunen und gleichwohl als Volkseigentum und Korruptionsmuseum zu schonen. Möge es erhalten bleiben als nachhaltige Mahnung vor unerwünschten Nebeneffekten der Demokratie. Und als Warnung vor schlechtem Geschmack.

Freitag, 31. Januar 2014

Aufgeschnappt (bei einem Russen)

Der Staat ist eine Verschwörung, die nicht nur dazu bestimmt ist, die Bürger auszubeuten, sondern auch zu verderben.
Lew Nikolajewitsch Tolstoj

Samstag, 25. Januar 2014

Richtigstellung (in eigener Sache)

Wehret den Anfängen, heißt es immer. Wenn’s aber einer tut und sich beispielsweise gegen die Gedankenlosigkeit und sprachliche Verschluderung ausspricht, schimpft man ihn einen Pedanten. Ich bin aber kein Pedant, ich bin ein Querulant. Das ist schlimmer. Ich sorge mich nicht so sehr um Details, sondern nehme im Kleinen wie im Großen Typisches und Symptomatisches wahr, bin dagegen und sage das auch.
Damit macht man sich nicht beliebt und fällt den Leuten lästig. Wo sie gegen das Richtige sonst kein Argument haben, nennen sie es lebensfremd, unpraktisch oder übertrieben spitzfindig.
Damit muss ich leben. Wenn Dummheit weh täte, sagt man, müssten manche Menschen schreien. Ich werde oft laut. Mich quält dabei, das gebe ich zu, die Dummheit anderer vermutlich mehr als meine eigene. Ich sehe den Splitter im Auge meines Bruders deutlicher als den Balken in meinem eigenen Auge.
Aber ich kann nicht anders, als mich gegen das zur Wehr zu setzen, was mich quält. Und Dummheit, wessen auch immer, quält mich. Quält mich, ärgert mich, raubt mir den Verstand.
Ach, die Welt ist schlecht! In vielerlei Hinsicht. Gegen das meiste kann ich nichts tun. Gegen manches schon. Dass die Leute nicht mitbekommen, dass das, was sie sagen, nicht das ist, was sie eigentlich sagen wollen — bis sie dann das, was sie sagen, leider auch meinen —, dagegen muss man doch etwas tun. Es ihnen wenigstens sagen. Damit sie umkehren können und fortan nicht mehr sündigen. Das ist doch das mindeste, was man tun kann.
Damit macht man sich, wie gesagt, nicht beliebt und fällt den Leuten lästig. Sie heißen einen dann einen Pedanten. Dabei ist man bloß ein verkannter Aufklärer. Einer, der es gut mit ihnen meint. Und was ist der Dank? Es gibt keinen. Die Welt ist schlecht und will es bleiben. Also werde ich weiter querulieren müssen, bis ich nicht mehr von dieser Welt bin.

Montag, 6. Januar 2014

Gehirnfasching

Vom Rest des Umzugs von gestelzten Phrasen und aufgeblähtem Unverstand habe ich nichts mehr mit bekommen. Das ganze närrische Treiben ging mich schon vorher nichts an, aber als ich diese Wendung las, versank der ganze Faschingsspuk endgültig im Konfettiregen: „aus der Binnensicht, aus der lokalen Perspektive des Gehirns“ … Wie denkt sich einer das, dass er, der Sehende, sieht, wie das Hirn sieht, und zwar nicht nur, was er wohl ohnehin kaum sähe, von außen, sondern von innen, sodass er sähe, wie und was das Hirn sieht?
Ein Höhepunkt des Zerebralismus! Für gewöhnlich werfen die Hirnfetischisten ja nur mit der ollen Kamelle um sich, dass sie nicht nur denken, dass sie mit dem Hirn denken, sondern dass sie denken, dass das Hirn denkt. Hier aber will einer gar das Hirn sehen lassen. Und damit nicht genug, er meint womöglich, sagen zu können, was das Hirn sieht, wie also etwas aussieht, wenn das Hirn es sieht: Perspektive des Gehirns. Darauf einen Tusch!
Soll man fragen, womit der Herr Hirnbesitzer für gewöhnlich sieht? Mit den Augen, dem Herzen, dem Knie? Und ob er meint, dass, falls sein Sinnesorgan für Lichtwahrnehmung die Augen sind, dass diese seine Augen etwas sähen, was er nicht sähe? Dass sie, anders gesagt eine Perspektive hätten, die er, unterschieden von seiner eigenen, einnehmen könne oder nicht? Soll man ihn weiters fragen ob er, der doch sicher das Hirn fürs Kontrollzentrum hält, dem die Augen unterstellt sind, nicht bereit wäre zu sagen, dass er das, was er sieht, im Hirn sieht? (Als ob — wird man, um des Argumentes willen, nicht hinzufügen — das Hirn ein Lichtspieltheater wäre, in dem bewegte Bilder vorgeführt würden.) Dann kann man ihn des weiteren fragen, ob er, der dieser Vorstellung von Bildern im Kopf, näherhin: im Hirn, anhängt, ob er, der Sehende, denn meint, dass sein Hirn, wenn er etwas sieht, auch etwas sieht und ob es vielleicht sogar etwas sehen kann, was er nicht sieht? Ob somit die Rede von der Sichtweise des Gehirns nicht eher ein Gedankenfurz ist, weil die Zerebralperspektive ohnedies notwendigerweise mit der dessen, der sieht, zusammenfällt?
Welch lustige Idee, es gäbe aus der Sicht des Gehirns etwas zu sehen, was der, dessen Schädel das Ding bewohnt, nicht sieht! Was sich dabei dann alles abspielen mag! Vielleicht sieht das Hirn nicht nur, es hört und riecht und schmeckt auch, es spürt womöglich gar, ja es bewegt sich und spaziert herum, ohne dass der Gliedermann, der am Hirn hängt, sich rührt und etwas davon merkt. Das Hirn als Paralleluniversum seiner selbst, das ist doch mal was. Und warum dabei stehen bleiben? Vielleicht denkt das Hirn etwas, von dem nicht nur sein Träger, sondern es selbst nichts weiß? Ein ungeahntes Gespenst mag in des Menschen Zentralnervensystem herumklabautern und dort seine Kobolzen schießen, dass nur so seine Art hat. Und wer sagt, dass dieser Hirngeist nicht wieder seinen eigenen Spuk hat, der hinter seinem Rücken durch Mark und Bein geht?
Ein zweites Gesicht ist nichts gegen diese karnevaleske Multiplikation: ein Mensch denkt, dass sein Hirn denkt, dass sein Geist denkt, dass usw. usf. Aber nach dem Narrentreiben kommt zum Glück der Aschermittwoch, man wird wieder nüchtern und die Zeit des groben Unfugs ist, für diesmal wenigstens, wieder vorbei. Nur die echten Deppen bleiben, was sie immer waren.

Samstag, 4. Januar 2014

Aufgeschnappt (bei einem Ex-Sträfling)

Der Marxismus ist nicht nur nicht exakt, nicht nur keine Wissenschaft, er hat kein einziges Ereignis in Zahlen, Quantitäten, zeitlichen oder örtlichen Definitionen vorausgesagt. Nur mit der Habgier der einen und der Blindheit der anderen und dem Bedürfnis der dritten, zu glauben, kann man jenen Zynismus der zwanzigsten Jahrhunderts erklären: daß eine derartig belastete Lehre nach solchen Mißerfolgen im Westen noch so viele Anhänger hat! Bei uns [in der Sowjetunion 1973] sind es die wenigsten geblieben!
Aleksandr Isajewitsch Solschenizyn