Montag, 29. August 2016

Splitterrichter meiner selbst (I)

Mein Urteilsvermögen ist so groß, dass ich andere immer gern daran teilhaben lasse.
 
Manche verurteilen das Urteilen, weil ihnen gewisse Urteile nicht passen. Dabei handelt es sich aber immer um die Urteile anderer, nie die eigenen. Auch mir passen meine eigenen Urteile besser in den Kram als anderer Leute Urteile, aber deshalb verurteile ich doch nicht das Urteilen überhaupt.
 
Es überrascht und verstört die Leute immer wieder, dass mir nichts an ihrer Zustimmung zu liegen scheint. Sie fühlen sich missachtet und reagieren gereizt und ablehnend.
 
Tatsächlich fordere ich im Gegenteil die Leute immer (zumindest implizit) dazu auf, mir zuzustimmen. Wer Recht haben will, muss meiner Meinung sein, vorausgesetzt, ich habe Recht. Zugegeben, wenn diese Voraussetzung nicht stimmt, stimmt auch die Schlussfolgerung nicht.
 
In Wahrheit missachte ich also nicht die Leute, sondern die Selbstverständlichkeiten, die sie an besseren Urteilen hindern. Darum erscheine ich als sonderbar.
 
Was alle für wahr halten, mag die Grundlage von allem sein, aber es ist doch gerade darum, weil alle es für wahr halten, verdächtig. Warum sollten die, die im Einzelnen so oft irren, im Großen und Ganzen richtig liegen? Ist es nicht eher wahrscheinlich, dass das, was alle für wahr halten, gerade das ist, worauf sich all ihre Irrtümer stützen? Muss also nicht gerade das, was alle für wahr halten, in Frage gestellt und gegebenenfalls zurückgewiesen werden, um den Irrtümern die Grundlage zu entziehen? Zugegeben, dem zu widersprechen, was alle für wahr halten, muss aus der Sicht der Irrenden als Irrsinn erscheinen.

Ich muss also denen als unverständlich, gar als verrückt erscheinen, deren Selbstverständlichkeiten ich nicht teile. Womöglich nicht nur nicht teile, sondern sogar in Frage stelle. Meine eigenen, nicht in Frage gestellten Selbstverständlichkeiten hindern mich dabei daran, das Unverständnis der anderen in vollem Umfang zu verstehen.

Sonntag, 28. August 2016

Wähle, was und wen du willst, aber bedenke, dass es viel mehr darauf ankommt, wer oder was dich wählt.
Wie viele von denen sollen wir aufnehmen? So gestellt kann die Frage nur falsche Antworten erzeugen. Wenn „wir“ ausschließlich die sind, die über „die“ entscheiden, läuft etwas falsch. Erst wenn „wir“ die sind, über die entschieden wird, und die, die entscheiden, erst wenn „wir“ sowohl die sind, die schon da sind, und die, die noch kommen wollen, erst wenn es also gar nicht mehr um „uns“ im Unterschied zu „denen“ geht, sondern alle gemeinsam über ihr Zusammenleben entscheiden, können die richtigen fragen gestellt werden. Vorher sind alle Antworten falsch. (Oder nur zufällig richtig. Wenn einer gefragt wird, wie spät es ist, und antwortet, es sei Donnerstag, dann ist die Antwort richtig, wenn Donnerstag ist, aber die Frage ist trotzdem nicht richtig beantwortet.)
Der Unterschied lässt sich klar benennen: Gewisse Leute behaupten, es gebe eine Umvolkung, und sind dagegen. Ich weiß, dass es keine gibt, wäre aber dafür.

Sonntag, 21. August 2016

Fortiter in re zu sein, ist mir ja ein echtes Herzensanliegen, doch dass ich auch suaviter in modo vorgehen soll, sehe ich als Gebot der Vernunft zwar ein, vergesse es aber meist im Eifer des Gefechts.

Sonntag, 14. August 2016

Vielleicht könnte man sich ja darauf einigen, das irgendwann einmal alle an allen einen Genozid verübt haben, und sich dann aktuellen Problemen zuwenden.

Dienstag, 2. August 2016

Seelsorge aktuell

„Seelsorge leisten:“ Das klingt schon irgendwie falsch. Was kommt als Nächstes? Bitte wählen Sie zwischen verschiedenen Seelsorgeanbietern und lassen Sie sich Ihr persönliches Seelsorgepaket ganz nach Ihren Wünschen und Bedürfnissen zusammenstellen. Da kann einem schlecht werden. Seelsorge als beliebige spirituelle“ Dienstleistung anzubieten und hinzunehmen, sozusagen als etwas esoterisch angehauchten Psychonotdienst, ist ein Missverständnis. Denn keine Frage, was ein richtiger Seelsorger ist, der wird Menschen beistehen, wenn sie in Not sind, und wenn sie etwas erlebt haben, was sie bedrückt, erschreckt hat, verzweifeln lässt usw., dann wird seine Hilfe auch psychologischer Art sein können. Aber bei der cura animarum geht es nicht um „Krisenbewältigung“ und die Ermöglichung einer Rückkehr in die Komfortzone, sonderen ums Seelenheil. Also um die Absage an die Sünde und die Entscheidung für den gelebten Glauben. Es geht um die Frage: Was hat das mit dir und Gott zu tun, wie kannst du dich richtig verhalten gegenüber deinen Mitmenschen und gegenüber Gott? Und nicht um die Frage: Wie kann ich weitermachen wie bisher, obwohl mir das und das zugestoßen ist? „Seelenhirten“, die das Erlebnis des Schlechten in der Welt mit Worten zupflastern, damit Leute, für die sich etwas Entscheidendes geändert hat, das Gefühl haben können, es habe sich eigentlich nichts geändert, tun nichts Gutes. Aber Gutes zu tun und Böses zu lassen, darum geht es. Dahin zu kommen, jemanden dahin zu bringen, darum geht es in der Seelsorge. Alles andere ist Geschwätz.

Glosse XLVI

Stromrechnung zu teuer? Ach was, so eine Rechnung kostet doch fast nichts.